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Um 03:45 Uhr hieven wir uns noch halb schlafend aus den Betten. Wie im Delirium erledigen wir die letzen Tätigkeiten, bis wir unsere Koffer ins Auto frachten und nach Linz fahren. Wolfgangs Eltern bringen uns zum Flughafen und wir kämpfen mit uns, dass wir dort nicht wieder einschlafen. Der Himmel ist rosa gefärbt und inmitten strahlt der Sichelmond, richtig romantisch. Die Flugzeit, 37 Minuten nach Wien und eineinhalb Stunden bis Amsterdam, vergeht sehr rasch. Schiphol, Amsterdams Flughafen ist sehr groß und wir haben das Gefühl, dass wir die Ankunftshalle nie erreichen. Unser Gepäck ist eines der ersten, das auf dem Förderband daherkommt und wir machen uns auch gleich auf den Weg in Richtung Bahnhof. Nach einigen Schwierigkeiten schaffen wir es dann auch, ein Zugticket aus dem Automaten zu bekommen. Wir müssen nicht lange warten, bis der Zug kommt. Voller Erwartung, was uns diese Woche bringen wird, sammeln wir neugierig während der Fahrt die ersten Eindrücke. Hektisches Treiben herrscht in der Centraal Station in Amsterdam und wir sind von dem schönen Renaissance-Gebäude sehr beeindruckt.

Der Bahnhof wurde 1889 errichtet und besteht aus einem mittleren Abschnitt, der rechts und links von rechteckigen Türmen und Seitenflügeln flankiert wird. Der von dem berühmten Architekten P.J.H. Cuypers entworfene Bahnhof ist wegen des sumpfigen Untergrundes auf 8.687 Pfählen erbaut. Die Originalkonstruktion wurde mehr als einmal erneuert, da die Transportmengen immer weiter anstiegen. Und auch jetzt wird wieder gebaut, denn der halbe Bahnhof ist eingehüllt und wird von vielen, immens hohen Kränen eingesäumt.

Direkt neben der Centraal Station befindet sich eine Parkgarage für Fahrräder. Dort finden mehr als 2.500 Drahtesel Platz. Uns würde beim Anblick nur eines Bruchteils der Räder interessieren, wie groß die Chancen stehen, sein eigenes auf Anhieb wieder zu finden.

Wir umrunden den Vorplatz des Bahnhofes mehrmals, bis wir endlich die richtige Bushaltestelle finden. Es dauert nicht lange, da kommt auch schon der Bus, der uns zum Hotel bringt. Es ist kurz vor Mittag und unser Zimmer ist noch nicht bezugsbereit. Daher deponieren wir unser Gepäck und fahren mit dem Bus wieder in die Stadt zurück. Es steht uns ja noch der halbe Tag zur Verfügung, um erste Erkundungstouren durch die Altstadt zu machen.

Wir beginnen wieder am Bahnhof, denn gleich gegenüber befindet sich die Sint Niclaaskerk. Nachdem die Katholiken durch die Reformation ihren Glauben lange nicht frei ausüben konnten, durften sie in der zweiten Hälfte des 19. Jhdt. endlich wieder große Kirchen bauen. Sie wurde 1887 geweiht, ist groß und auffällig gebaut und dominiert damit die Gegend gegenüber dem Hauptbahnhof. Entworfen wurde sie vom Architekten A.C. Bleijs (1842- 1912) als Kreuzbasilika und Kombination von Neostilen (Neorenaissance und Neobarock). Im Inneren der Kirche gibt es ein Standbild von St. Nicolaas, dem Schutzpatron der Kirche und der Stadt Amsterdam. Es handelt sich um die erste katholische Kirche Amsterdams. So beeindruckend wie die Kirche von außen, so soll sie auch innen aussehen. Leider können wir uns davon nicht überzeugen, denn die Tore sind verschlossen. Macht nichts, wir sind noch länger in der Stadt und wir kommen bestimmt wieder einmal in die Umgebung des Bahnhofes.

Also schlendern wir weiter entlang der Grachten und schwups sind wir auch schon im Rotlichtbezirk gelandet. Dieses berühmt-berüchtigte Viertel mit seinen Etablissements von zweifelhaftem Ruf und unzähligen Destillerien bedeutete schon im 14. Jhdt. den Ruin so mancher Matrosen. Die Destillerien gibt es nicht mehr, dafür stellen sich heute Prostituierte in Fenstern unter roten Neonlampen zur Schau und Schlepper versuchen Passanten in ihre Sexkinos zu locken. Die Atmosphäre ist ziemlich entspannt und wesentlich weniger bedrohlich als in Rotlichtbezirken anderer Städte. Schaulustige vermischen sich mit Zuhältern, Drogenhändlern und Freaks. Wer auf Nummer sicher gehen will, sollte Prostituierte nicht fotografieren. Es ist irgendwie ein komisches Gefühl, denn die Selbstverständlichkeit mit der die Damen in den Auslagen sitzen und mit ihren Brüsten wackeln oder ihr Höschen beiseite ziehen, verblüfft uns schon sehr. Sobald man an einem Fenster stehen bleibt, wird schon die Türe geöffnet und der Eintritt angeboten. Wir können auch beobachten, wie sich ein Mann überreden lässt und hinter ihm der Vorhang zugezogen wird. Die zwei dürften sich aber über den Preis nicht geeinigt haben, denn schon nach wenigen Minuten kommt er wieder heraus (oder ist das etwa so schnell gegangen?). Der Großteil der Prostituierten sind aber  zu unserem Unverständnis  mollige Frauen, die uns nicht wirklich reizen könnten.

Schon in den ersten Stunden unseres Amsterdam-Trips sind wir voll begeistert, denn das nächste Highlight, das uns der Reiseführer verspricht, wartet schon auf uns. Wir stoßen am Ende des Rotlichtbezirkes auf das Hasch-& Marihuana – Museum. Die Exponate behandeln Themen wie Grasanbau, Pfeifen aus aller Welt, das Verhältnis von Cannabis und Religion oder die Geschichte der Amsterdamer Coffee Shops. Im Inneren ist Kiffen erlaubt und wer Lust hat, kann in einem Treibhaus im hinteren Abschnitt den Graspflanzen beim Wachsen zugucken. Im Shop werden Samen und Hanfprodukte verkauft. Durch die liberale Politik der Niederlande wurde Amsterdam zum Zentrum des Drogentourismus in Europa. Bemerkenswert sind die vielen ausländischen Drogenkonsumenten. Von den ca. 750 Coffee Shops in den gesamten Niederlanden sind etwa 300 bis 400 in der Hauptstadt angesiedelt.

Wir schlendern durch die Grachten und saugen die vielen Eindrücke in uns auf. Es ist warm und eine leichte Brise streicht uns ins Gesicht. Rund um uns kreuzen Radfahrer in den lustigsten Variationen ihre Wege. Als Fußgänger hat man oft seine liebe Not, rechtzeitig zur Seite zu springen, sodass man nicht niedergefahren wird. Die Behauptung, die Amsterdamer wären begeisterte Radfahrer, ist eine glatte Untertreibung. Insgesamt 400 km Fahrradwege führen durch die Stadt und dass der Radfahrer das Vorrecht auf den Strassen besitzt, wird einem schon nach kurzer Zeit bewusst.

Trotzdem gefällt uns die Stadt sehr gut, auch wenn es stellenweise ein wenig und manchmal auch ein bisschen viel dreckig ist. Und wo es Dreck gibt, da gibt es auch Sandler, die ihre Mülltüten aufgetürmt rund um sich gelagert haben.

Nach stundenlangem Spazierengehen durch die Stadt brennen uns die Füße und die Wirbelsäule schmerzt. Deshalb kommt uns das Café gerade richtig. Wir kaufen uns ein Eis und setzen uns an den Rand der Gracht. Jedes Mal, wenn wir an der fruchtigen Masse lutschen, genießen wir es, als wäre es pures Gold, denn ein Kugerl kostet 1,10 Euro! Da wissen wir, dass es wahrscheinlich das erste und auch das letzte Eis sein wird, denn da kommt doch glatt die Gier durch.

Wir sind uns einig, dass wir für den ersten Tag schon sehr viel herumgelatscht sind. Deshalb fahren wir am späten Nachmittag wieder ins Hotel zurück. Zuerst bekommen unsere Füße eine Belohnung, indem wir uns in der Badewanne ein Wechselbad gönnen. Noch bevor die Koffer ausgepackt sind, schmeißen wir uns auf das Bett und genießen ein Nickerchen.

Das Abendessen leisten wir im Gastgarten des Hotels. Es ist nett zum Sitzen, das Essen schmeckt ganz gut  bis auf die braune Erdnussbuttersauce über den Pommes. Wir schmieden Pläne für den nächsten Tag. Dann verabschieden wir uns gegen halb zehn Uhr und gehen endgültig schlafen.

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