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Trotz Ohrstöpsel habe ich diese Nacht nicht viel geschlafen und bin etwas gerädert, als wir um 07:00 Uhr aufstehen. Das Frühstück gibt es in einem kleinen Kellerraum, wie aus Großmutters Zeiten. Auf altem Mobiliar ist Essen und Trinken liebevoll angerichtet. Klein, aber fein und es ist alles da, was man braucht.

Knapp eineinhalb Stunden später verlassen wir das Hotel, bereit für eine kleine Runde in der Altstadt von Granada. Verschlafen kommen uns einige Einheimische entgegen, die zur Arbeit gehen oder vom Bäcker frische Brötchen holen. Es nieselt leicht, aber es ist nicht kalt und so starten wir los mit dem Audioguide. Auch hier sind die Gassen mit den schwarzen und weißen Kieselsteinen in schönen Mustern gepflastert, aber sehr rutschig vom Regen. Da zieht es uns immer wieder die Füße unter den Beinen weg. Vorsicht, aufgepasst! Erhaben wachsen die Häuser auf beiden Seiten drei- bis vierstöckig in die Höhe und üppig sind die meisten Balkone der französischen Fenster mit Pflanzen und Blumen bewachsen. In den kleinen Parks gedeihen die Orangenbäume prächtig und die Regentropfen auf den Früchten purzeln zu Boden.

Am Plaza de los Girones weist uns der Guide im Ohr auf das Casa de los Girones aus dem 13. Jhdt. hin. Das Haus vereinigt Baustile der Nasrid-Art, Almohad und Renaissance.

Nicht weit davon entfernt kommen wir zur Iglesia de Santo Domingo. Auf dem gleichnamigen Platz begrüßt uns Bruder Luis von Granada von einem hohen Sockel herab. Er war religiöser Berater der spanischen und portugiesischen Könige. Über dem Eingangsportal schmücken tolle Fresken die Fassade, das Tor ist trotz Sonntag aber verschlossen. Die Kirche war Teil eines Klosters, in dem das Gericht der Inquisition tagte. Sie wurde erbaut mit den Steinen eines alten muslimischen Friedhofs und am Glockenturm sind auch noch Reste des ursprünglichen Minaretts zu sehen.

Unser Spaziergang durch die Stadt wird begleitet von quirligen Vögeln und Tauben, die in der Luft herumzischen.

Granada liegt zu Füßen der schneebedeckten Sierra Nevada auf ca. 700 Meter Seehöhe. Hier erheben sich zwei Hügel, auf dem südlichen befindet sich die Alhambra und auf dem anderen das älteste Viertel der Stadt, der Albaicín, das ehemalige Maurenviertel. Auf Treppengassen führt der Weg immer höher und höher und wir nähern uns langsam der Puerta de las Granadas. Die Pumpe hat ordentlich zu tun, denn die feuchte Luft ist anstrengend und wir sind warm verpackt in unseren Jacken.

Kurz nach 09:00 Uhr betreten wir dank unserer vorreservierten Tickets den Eingang und gelangen vorerst in einen imposanten Park. Wir halten uns aber nicht lange auf, denn der Regen ist ein wenig lästig.  Trotzdem erfreuen wir uns an den schönen blauen Blüten der Lilien, den roten Ranunkeln und den bunten Stiefmütterchen. Auch die blühenden Kirsch- und Mandelbäume und die Orangenbäume treffen voll in unser Herz. Vogelgezwitscher und das Gurren der Tauben begleiten uns bis zu den Palästen. Auf dem Gelände vor dem Sommerpalast wuseln unzählige Katzen herum, die um die Gunst der Touristen buhlen, um vielleicht etwas Fressbares abzukriegen.

Die Ursprünge der Alcabaza (Zitadelle) gehen ins 9. Jhdt. zurück, die Alhambra entstand im 13. und 14. Jhdt. unter maurischer Herrschaft und wurde nach deren Vertreibung von den katholischen Königen umgebaut und erweitert. Das Paradies auf Erden, das viele Herrscher aufgrund Morde oder Putsche, auch alle Erdbeben und Kriege überstand, wird ständig restauriert, um der Nachwelt erhalten zu bleiben.

Seit 1984 zählen die Alhambra und die umgrenzenden Paläste und Gärten zum UNESCO Weltkulturerbe und das zurecht. Natürlich ist die Alhambra dadurch eine der größten Sehenswürdigkeiten von Granada und um den Touristenstrom ein wenig entgegenzuwirken gibt es pro Tag nur etwa 7.000 Eintrittskarten, gestaffelt im Halbstundentakt. Wir haben Karten für den Einlass um 10:00 Uhr. Der Regen peitscht auf uns herunter und da vor dem Eingang einige Sonnenschirme (ha, ha, ha) aufgestellt sind, suchen wir Schutz darunter. Tja, es ist knapp vor halb zehn Uhr und so stehen wir uns die Beine in den Bauch, denn unsere Tickets sind noch nicht gültig und da heißt es jetzt warten. Das nehmen sie hier ganz genau! Die Menschentraube wird immer länger und dichter und immer wieder versuchen Dreiste sich nach vorne zu schummeln. Denkste, der „Sheriff“ hier sieht alles und schon geht´s wieder zurück ans Ende der Schlange.

Das Kabarett, das wir hier geboten bekommen, lässt die Zeit dann doch schnell vergehen und ehrfürchtig betreten wir den ersten Raum, den sogenannten Mexursaal. Der Verwaltungstrakt des Emirs ist mit einer tollen Holzdecke ausgestattet, die aus kunstvollen Einlegearbeiten besteht.

Die Alhambra wirkt von außen unscheinbar und lässt nicht vermuten, was den Besucher im Inneren erwartet. Mit offenen Mündern stehen wir da und bestaunen das Kunstwerk von unvergleichbarer Schönheit. Wir wissen gar nicht, wo wir zuerst hinschaun sollen, mein Blick geht nur noch durch die Linse des Fotoapparats, der ununterbrochen klickt. Alles will bildlich festgehalten werden und nichts will ich übersehen.

Vom nächsten Raum – dem Gebetsraum – bietet sich durch die großen Fenster eine wunderschöne Aussicht auf die Altstadt. Die Mauern sind bis auf die Decke in atemberaubendem Stuck gestaltet. Von Hand gefertigte Ornamente und Schriftzeichen zieren den Raum bis ins letzte Eck. Unsere Augen schweifen mehrmals rundherum, bis wir dann von der Menschenmenge weitergeschoben werden. Wir gelangen in einen kleinen Innenhof, den wir aufgrund der heftigen Dusche von oben schnellen Schrittes durchqueren.

Das nächste Highlight ist der Comares-Palast und auch hier überwältigt uns die reiche Dekoration, wohin das Auge auch schaut. Die reich geschmückte Residenz des Monarchen soll den Besucher beeindrucken durch die verschiedensten Elemente. Stalaktiten hängen von der Decke, üppige Stuckwände, teilweise noch erkennbar blaue und rote Bemalungen und auch am Boden wurde nicht gespart mit tollen Flieseneinlegearbeiten. In der islamischen Baukultur war es verboten, Verherrlichungen darzustellen, sodass sich die Architekten mit anderen Elementen helfen mussten. Licht, Wasser, Blumen und Gärten und Koransuren sollen die maurische Kultur ausdrücken und interpretieren. Die einzelnen Räume sind gruppiert rund um den von Säulen umgebenen Myrthenhof. Ein großes Wasserbecken wird auf beiden Seiten von Myrten flankiert, die makellos in Form geschnitten sind.

Über ein großes Portal gelangen wir als nächstes in den Torre de Comares, mit 45 m Höhe, der größte Turm der Alhambra. Der Dachstuhl repräsentiert die islamischen sieben Himmel und im Thronsaal empfing der Sultan seine Untertanen und Besucher. Er wurde von hinten mit Licht beschienen, sodass sein Gesicht nicht erkennbar war.

Der anschließende Löwenhof trägt seinen Namen aufgrund des Brunnens aus weißem Marmor. Zwölf wasserspeiende Löwen tragen eine große Wasserschale auf ihren Rücken und dominieren den Platz, der von vielen verzierten Säulen umgeben ist. Dahinter liegen die Privatgemächer des Emirs und seines Harems. Südlich liegt der Sala de los Abencerrajes, ein prunkvoller Raum mit tollen Stalaktiten an der Decke und darunter ein eingelassener Brunnen am Boden. Schaut toll aus, aber dort ließ der Emir Mitglieder einer einflussreichen Familie ermorden und deren Blut in den Wasserrinnen wegspülen.

Östlich davon kommen wir zum Sala de los Rejos, dem Königssaal, der uns aber aufgrund einer Restaurierung verschlossen bleibt. Schade, denn hier wäre ein Verstoß gegen den Koran zu sehen. Auf dem Deckenfresko sind 10 Männern sichtbar, die als Könige interpretiert werden. Im Islam sind figürliche Abbildungen verboten, wie wir ja schon gelernt haben.

An der Nordseite befindet sich der Sala de dos Hermanas (Saal der 2 Schwestern) mit einer Kuppel, von der sternförmig Stalaktiten hängen. Das Licht, das seitlich hereinkommt wird so gebrochen, dass es wie eine hübsche Blüte aussieht.

Immer wieder sind wir komplett verzückt von der Pracht dieser Bauten, die die Araber hier in langer Bauzeit errichtet haben. 711 eroberten sie Granada und die Nasriden herrschten zweieinhalb Jahrhunderte hier und die Stadt erlebte seine Blüte in Kultur und Kunst aufgrund der Errichtung von Palästen, Moscheen und Schulen. Das beeindruckendste Zeugnis dafür ist die Alhambra. Das Ende der Maurenherrschaft war 1492 besiegelt und der letzte König verließ schweren Herzens Granada.

Gemütlich spazieren wir von einem Raum in den anderen und sind nie gesättigt von der beeindruckenden Architektur, die immer wieder neue Blickwinkel bietet. Unsere Begeisterung ist grenzenlos! Nach den Bädern gelangen wir noch in die Gärten. Auch hier haben die Buxbäume geometrische Linien und Formen und so wie´s ausschaut hat der Buxbaum Zünsler hier noch nicht zugeschlagen. Die Beete müssen in einigen Monaten, wenn alles in Blüte steht wunderschön sein, jetzt bleibt es aber unserer Phantasie überlassen uns das vorzustellen.

Ja, und die Katzerl haben sich inzwischen vermehrt und zur Freude einiger kleiner Kids lassen sie auch mit sich spielen und streicheln.

Der Komplex der Nasriden Paläste wurde später noch erweitert mit dem Palast des Königs Karl V. und dieses Bauwerk unterscheidet sich grundlegend von all den anderen. Er wurde im Renaissancestil erbaut, außen ein quadratischer mächtiger Bau aus Stein, dahinter befindet sich aber ein runder Innenhof. Ein Säulengang mit einem Durchmesser von 42 Meter umgibt den Innenhof. Schmucklos wirkt der Palast, wenn man die Alhambra vorher besichtigt hat. Heute befinden sich Museen in den Innenräumen, die kostenlos besichtigt werden können, die wir uns aber aus Zeitgründen schenken.

Mittlerweile hat es zu regnen aufgehört, es sind auch schon einige blaue Flecken am Himmel zu sehen und ist es auch nicht mehr so frisch. Wir zippen unsere Jacken auf und schlendern zur Kirche Santa Maria de Alhambra weiter. Eine hier befindliche Moschee musste für den kreuzförmigen Bau weichen. Sie wurde nach Fertigstellung 1617 der Großmutter geweiht. Am Eingang verrichtet ein Mann eine etwas sinnlose Arbeit, indem der nach jedem Besucher den Boden wischt. Hallo, guter Mann, es hat geregnet, da werden alle mit dreckigen Schuhen reinkommen. Nach einem gemütlichen Rundgang und einer kleinen Entspannung für den Rücken sagen wir vergelt´s Gott für die Rast und machen uns auf den Rückweg den Berg wieder hinunter.

Auf einem kleinen Platz am Beginn des Parks schenken wir noch einem tollen Brunnen unsere Aufmerksamkeit. Den Namen finden wir leider nicht heraus. Er ist in die Wand eingelassen und aus mehreren Mündern und Bottichen plätschert es heraus. Das Wasser begleitet uns auch in den Rinnen neben dem Weg den Berg hinunter. Ein Stück weiter machen wir die Bekanntschaft mit Washington Irving, der stehend auf einem Sockel aus einem Buch zitiert. Er weilte 1826 im Rahmen einer ausgedehnten Europareise in Spanien, wo er die arabische Kultur und die spanische Geschichte erforschte.

Wir erreichen die Puerta de Elvira und betreten somit das Albaicín. Das ehemalige maurische Wohnviertel zählt auch zum Weltkulturerbe der UNESCO und schöne Häuserfronten ziehen sich der Calle Elvira entlang, die am Plaza Nueva endet. Dass diese Straße zu einer der beliebtesten Touristenattraktionen zählt, ist an den vielen Geschäften und Souvenirständen zu erkennen. Beinahe alles ist hier zu haben, von Hüten, Taschen und Schmuck angefangen, über Textilien, Karten und allerlei Souvenirs. Vieles ist mit den Symbolen aus der Alhambra nachgeahmt. Einige Schritte weiter strömt der Duft von Zimt und Kardamon aus den Teesalons in unsere Nasen.

Überall begegnen wir auch dem Granatapfel, dessen Bild auf Hausmauern aufgesprüht oder mit Fliesenbildern aufgeklebt wurde oder die Frucht an den Dachrinnen verewigt wurde. Selbst die Poller auf der Straße sind in Form eines Granatapfels. Vom Namen dieser Frucht leitet sich auch der Name für die Stadt ab.

Kurz nach 13:00 Uhr erreichen wir den Plaza Nueva, den kennen wir ja schon vom gleichnamigen Restaurant, wo wir gestern Abend schon mal waren. Das Essen ist gut und daher nehmen wir im offenen Vorraum Platz in direkter Nähe einer Heizschlange. Da können wir uns von hinten grillen lassen. Wir bestellen Fisch des Tages, für Wolfgang eine Dorade und ich nehme eine Seebrasse. Bevor es aber soweit ist, serviert man uns noch einen Gruß aus der Küche, warmen Zwiebelkartoffelsalat und gegrillte Fleischstückchen. Mmmh, das ist schon mal lecker! Optisch macht das Essen ja nicht viel her, aber es schmeckt uns total gut. Wir trinken wieder Bier dazu, und als Nachtisch gönnt sich Wolfgang noch einen Cheesecake.

Während wir unser Essen genießen, können wir an den vorbeiflanierenden oder laufenden Menschen beobachten, ob es gerade regnet oder die Sonne scheint. Wetter wie im April, nur dass da noch einige Wochen hin sind.

Gestärkt setzen wir unsere Runde in Granada fort und widmen uns als erstes dem tollen Justizpalast. Dann flanieren wir über den Platz zur Iglesia de Santa Ana. Sie befindet sich am gleichnamigen Platz und hoch über ihr ist ein Teil der Alcabaza zu sehen. Die Besichtigung der Kirche ist schnell abgehakt, da die Pforten geschlossen sind. Wir studieren die Infotafel und die ist auch sehr interessant. Die Kirche wurde im 16. Jhdt. auf den Mauern einer Moschee im Mudéjar-Stil erbaut, der in Granada gegründet wurde. Die Mudéjaren waren Muslime, die vor allem den Handwerkerberuf ausübten und Meisterwerke in der Architektur und Bauwerk vollbrachten. Typisch für den Mudéjar-Stil sind kunstvolle Kassettenholzdecken mit geometrischen Einlegearbeiten, zinnglasierte farbig bemalte Keramiken, Kuppeln mit Rippengewölbe, oft mit Stalaktiten und Stuckornamente in Form von Pflanzen Blüten und Blättern. Auch der Glockenturm steht auf den Resten des ehemaligen Minaretts, ganz oben sind noch dessen alte Fliesen sichtbar.

Bevor wir uns der Menschenmenge anschließen und in die Carrera del Darro einbiegen, lesen wir uns noch das World Heritage Schild, wo dem Besucher der Stadt die Information gegeben wird, dass die Alhambra, der Generalife und das Albacín zum UNESCO Kulturerbe gehören.

Nun schlendern wir den schmalen Weg neben dem gleichnamigen Fluss Darro entlang, der zwischen der Alhambra und dem Maurenviertel liegt. Rechterhand haben wir einen schönen Ausblick hinauf auf die Alhambra und auf der anderen Seite auf die prächtigen Gebäude der historischen Altstadt. Immer wieder müssen wir uns an die Mauer quetschen, um einem Taxi oder einem Citybus Platz zu machen. Trotz der Staus wird hier nicht gehupt oder gedrängelt. Wir genießen unseren Spaziergang, begleitet vom Plätschern des Wassers und dem Gesang eines Gitarrenspielers, machen mal hier mal dort einen Blick in die kleinen Lädchen oder auf die schönen Fassaden der Häuser und den alten Brücken.

Laut unserem Reiseführer sollten wir entlang der Gasse auch noch ein altes maurisches Bad finden, also begeben wir uns auf die Suche danach. Das erste Mal gehen wir vorbei, weil der Eingang so unscheinbar ist und das war auch der Grund, warum das El Bañuelo Granada vom Abriss der Christen nach der Rückeroberung verschont geblieben ist. Der Hamam stammt aus dem 11. Jhdt. und ist der älteste in Andalusien. Weil heute Sonntag ist, dürfen wir gratis in das Innere, das drei Räume umfasst. In jedem befindet sich ein Tab mit Erläuterungen und 3D-Animationen, um darzustellen, wie sie damals gestaltet waren. Das ist das schönste Spielzeug für Wolfgang. Der erste Raum war der kalte und der daneben liegende das lauwarme Zimmer. Der letzte Raum war dann der warme, wo sich das eigentliche Bad befand. Auf dem hellen Marmorboden sind Säulen verankert, die die Rundbögen halten. Der Boden wurde von unten beheizt und von oben mit Wasser bespritzt, sodass eine Dampfsauna entstand. In Rinnen wurde das Wasser in die Räume geleitet und auch wieder abgeführt. Achteckige und Sternförmige Öffnungen an der Decke lassen das Licht schön hereinfallen und sorgen für den Luftaustausch. Dankeschön für die interessante und kostenlose Besichtigung – Adios!

Das Albaicín besteht aus einem Labyrinth aus hohen, weißgetünchten Häusern, die mit schmalen, mit Steinen gepflasterten Gassen und vielen Treppen verbunden sind. Und eine der Gassen, die Callejon de Zafra trotten wir jetzt langsam hoch. Immer wieder halten wir an, drehen uns um und genießen den Blick zur Alhambra. Dabei kann unsere Pumpe wieder etwas Luft holen und der Herzschlag verringert werden. Schnauf, schnauf! Wir entdecken dabei viele romantische Winkel, kleine Gärten auf Dachterrassen und historische Gebäude. Der kleine Mann im Ohr erzählt uns dazu alte Geschichten und Fakten. Wir stehen vor dem Casa de Don Hernando de Zafra, dem Haus des ehemaligen Sekretärs der katholischen Könige, der von ihnen unterhalten wurde und unendlich viele Besitztümer in Stadt und Land Granada hatte. Von außen wirkt das Haus eher schlicht, schöne in Stein gemeißelte Wappen zieren die Mauer.

Nicht weit davon, ein Stück weiter hoch kommen wir zur ersten katholische Kirche nach der Rückeroberung, San Juan de los Rejes. Sie vereint viele Stile aufgrund der Umbauten. Einzig das Minarett der einstigen Moschee wurde erhalten und ein Glockenturm aufgesetzt.

Wir machen kehrt und schlendern die Gasse wieder hinunter, spazieren die Carrera del Darro weiter und kommen zum Paseo del los Tristes. Auf dem Platz steht ein Sessel neben dem anderen und von jedem Restaurant oder Bar buhlen Kellner um die Gunst der Touristen. Wir nehmen an einem kleinen Bistrotisch Platz mit bestem Blick auf die Alhambra und das Geschehen rund um uns. Während wir unseren Kaffee und die belgischen Waffeln genießen, zeigt uns ein junges Mädel ihre Turnkünste. Plötzlich heult von einem verlassenen, halb verfallenen Hexenhaus gegenüber im Hang die Alarmanlage los. Minutenlang heult die Sirene und dann klettert ein Mann von der Security den Abhang hinauf, geht rund ums Haus und guckt durch jedes Fenster. Fehlalarm, da tut sich nix.

So, weiter geht´s, denn nachdem das Wetter immer schöner wird, müssen wir den Tag nützen. Wir spazieren ein Stück die Gasse weiter und biegen dann in die Cuesta de la Victoria, eine breite Gasse ab. Und wieder steigen wir den Hügel hoch, kämpfen uns durch das Gassengewirr durch und landen schließlich am für uns schönsten Platz Granadas, dem Mirador San Nicolás. Direkt vor uns thront eingebettet in einen grünen Mischwald, die Alhambra mit ihren Mauern und Türmen. Von den ursprünglich 30 sind heute noch 22 Torres erhalten und wurden Anfang des 13. Jhdt. zur Verteidigung errichtet. Der höchste Turm ist der Torre de la Vela und ist weithin sichtbar. Als sie ein Jahrhundert später die militärische Bedeutung verloren, wurden sie in Paläste umgebaut. Im Hintergrund links von der Alhambra erstreckt sich die schneebedeckte Sierra Nevada. Rechterhand haben wir einen weiten Panoramablick auf die Stadt und das Umland. Immer wieder ziehen die Wolken vorbei und die Sonne strahlt auf das rostbraune Gestein der Alhambra. Mein Gott, ist das schön! 

Die Kamera läuft heiß, um das perfekte Postkartenmotiv einzufangen. Vergessen ist der anstrengende Aufstieg hierher und wir haben erst nur Augen für die Umgebung. Dann lassen wir uns in die Stimmung hier hineinziehen und lauschen den Klängen der Gitarrenspieler und den Gesängen der Menschen, die hier aufgefädelt wie eine Kette entlang der Mauer sitzen. Ein Maler mit einer ungewöhnlichen Staffelei skizziert mit Tinte auf Wasser aus einer Regenpfütze die Alhambra auf sein Blatt. Als er mich bemerkt, begrüßt er mich und fragt mich nach meiner Herkunft. Dann schenkt er mir ein Bild und wünscht mir einen schönen Aufenthalt. Vielen lieben Dank, das ist echt ein nettes Andenken. Nicht weit von ihm entfernt sitzt der nächste Künstler, er versucht allen Betrachtern seiner Bilder mit Henna-Tattoos die verschiedensten Körperteile zu verschönern. Andere verkaufen selbstgefertigten Schmuck oder allerlei Artikel aus Leder und Metall. Der schöne Platz ist mit Steinmustern ausgelegt, die wunderschöne Blumen, Ranken und Sterne darstellen. Flankiert wird er von der Kirche San Nicolás, die wir aber links liegen lassen.

Wir biegen eine Gasse weiter hinten ab und erreichen die Mezquita Mayor de Granada, die 2003 fertiggestellt wurde. Schade, dass man keine Ton-Fotos machen kann, denn aus der Moschee klingt gerade das Nachmittagsgebet. Auf dem viereckigen Minarett befindet sich unmittelbar unter dem Dach der Schriftzug des Glaubensbekenntnisses in Metallic und im Sonnenlicht glitzern die goldenen Fliesen. („aschhadu an la-ilaha-ill-allah wa aschhadu anna muhammadan rasulullah“ – „Ich bezeuge: Es gibt keinen Gott außer Allah und ich bezeuge, dass Muhammad der Gesandte Allahs ist.“). Ein hübscher kleiner Park mit sternförmigen Brunnen und gemütlichen Bänken laden zum Verweilen ein.

Ja, es wäre hier wirklich sehr gemütlich, aber wir sind im Urlaub, da haben wir keine Zeit. Also, auf geht´s, den Berg wieder hinunter. Mehrmals kommen wir zu kleinen Plätzen, zum Beispiel der Placeta de San Miguel Bajo, wo die Menschen gemütlich zusammensitzen und den Sonntagabend ausklingen lassen bei einem Gläschen und netten Gesprächen. Mein Botanikerherz entdeckt immer wieder schöne Exemplare an Büschen, Bäumen und Blumen. Eine in voller Blüte stehende Akazie muss dann auch bildlich festgehalten werden und sehr schwer kann ich mich von ihrem Anblick trennen.

Auf dem Weg in die sogenannte Unterstadt kommen wir zum früheren maurischen Basar der Seidenhändler, mit arabischen Läden, Restaurants und Teesalons. Der Duft von Zimt und exotischen Gewürzen zieht durch die Gassen und aus einigen Häusern ist orientalische Musik zu hören.

Einige Straßen weiter hat uns Granada wieder, wir erreichen die Gran Vía de Colón, ein breiter Boulevard mit prächtigen Bauwerken, wo elegante Hotels, Boutiquen und exklusive Restaurants zuhause sind. Als kämen wir aus einer anderen Welt, empfängt uns hier auch der Regen wieder. Im Laufschritt bewegen wir uns vorwärts und schenken dem Palacio de la Madraza daher nur kurz unsere Aufmerksamkeit. Er beherbergte die erste und bedeutendste maurische Universität und zog viele Weise aus der ganzen Welt an. Heute befindet sich hinter der imposanten Fassade die Akademie der bildenden Kunst.

Nix wie weg und schnell ins Trockene, wir flüchten ins Innere der Capilla Real, angebaut an die Kathedrale und dort befinden sich die sterblichen Überreste von Königen, weshalb sie auch die Königskapelle genannt wird. Der Raum wird erfüllt von einem glockenklaren Ave-Maria vom Band, das für den Einzug einer Hochzeit geplant ist. Wir lauschen der Musik und Gänsehaut läuft mir über den Rücken, so schön ist

 der Gesang. Ein Blick auf die Uhr lässt unsere Besichtigung abrupt stoppen. Schnellen Schrittes, aber ehrfürchtig verlassen wir das Gotteshaus und laufen zum Eingang der Cathedral Santa María de la Encarnación für deren Besichtigung wir leider nur noch zwanzig Minuten Zeit haben. Die Kathedrale wurde auch auf den Resten einer Moschee erbaut und aufgrund von mehreren Architekten vereint sie auch verschiedene Stile, beherrschend ist aber der Renaissance Stil. Das Innere ist sehr hell und einladend trotz der vielen wuchtigen Säulen. Wolfgang startet den Audioguide und lauscht den Ausführungen während des schnellen Rundgangs. Das Zentrum des Hauptschiffes bildet die Capilla Mayor, ein halbrunder Bau mit einer atemberaubenden Kuppel in türkisgrün mit goldenen Sternen. Mehrere Rundgänge führen darunter und zeigen tolle Fensterbilder mit biblischen Szenen und Gemälde mit Rahmen und Einfassungen in Gold. Wir wissen gar nicht, wo wir zuerst hinschaun sollen, so gebannt sind wir von dieser Pracht und Schönheit. Der Altar ist in Silber gehalten und wird von Licht bestrahlt. Auf beiden Seiten befinden sich reich verzierte Orgeln, auch in Gold. Über dem Eingangsportal gefällt uns noch das hübsche Glasfenster in Form eines Sterns. Auch in die Sakristei machen wir einen kurzen Abstecher, die erfüllt ist vom Weihrauch.

Tja, so schnell können zwanzig Minuten vergehen und wir werden zum Ausgang gebeten. Vor der Kirche strömt uns der Duft von Gewürzen und Früchten entgegen. Dem Geruch folgend kommen wir zu einem Geschäft, das vor der Tür Stände aufgebaut hat mit Gewürzen von A – Z, getrockneten Kräutern und Tees und gedörrte Früchte, die zum Anbeißen ausschaun. Zu unserer Freude hat es auch aufgehört zu regnen und es sind sogar einige blaue Flecken am Himmel sichtbar. Wir drehen noch eine Runde rund um die Kathedrale und stellen dabei fest, dass sie unfotografierbar ist, denn sie liegt so eng zwischen den Häusern, dass man nur Teile davon aufnehmen kann. Egal, der Innenraum war derart imposant und da hab ich Unmengen von Aufnahmen im Kasten.

Es ist 18:30 Uhr und laut unserer Garmin-Uhr sind wir heute 21,17 Kilometer herumgelatscht, waren 9 Stunden und 48 Minuten unterwegs und haben 2.700 Kalorien verbraucht. Dafür haben wir eine Belohnung verdient, da sind wir uns einig. Wir brauchen auch nicht lange suchen, da sticht uns das Restaurant La Bicicleta am Plaza de Pescaderia, 4 ins Auge. Die wenigen Tische im Innenraum sind besetzt, daher machen wir es uns auf den Stühlen draußen bequem, mit Heizkanonen im Rücken.

Wolfgang entscheidet sich für einen Caipirinha und ich für eine Piña Colada. Der Kellner dürfte davor schon selber einige Drinks intus haben, denn mehrmals kommt er zu uns heraus und sagt, dass er mal dies, mal jenes nicht mehr hat. Ohne Cachaca kann man keinen Caipirinha mixen, daher disponiert Wolfgang auf einen Mojito um. Na, dann lassen wir uns mal überraschen, was er uns dann schlussendlich bringt.

Als Entschädigung für das Durcheinander hat er uns aber ordentlich an Alkohol eingeschenkt, aber das brauch ma eh, damit uns von innen warm wird. Damit wir aber nicht von den Sesseln fallen, bestellen wir uns noch eine Seleccion de Tapas für € 18,50 und vorweggenommen sind die ihr Geld allemal wert. Kurz nachdem er die Platte gebracht hat und wir noch beim Fotografieren der Köstlichkeiten sind, verlassen fluchtartig einige Gäste das Lokal. Nachdem es draußen nur mehr neun Grad hat, beschließen wir dann, es uns doch drinnen gemütlich zu machen.

Die Auswahl der Tapas ist ein Wahnsinn, jedes für sich so raffiniert und lecker: Chorizo, Salchicon, Jamón Ibérico, Blutwurstpüree, Hummus aus pürierten Kichererbsen, frittierte Kartoffelwürfel und Auberginenstifte, Ziegenkäse, frittiertes Kartoffelpüree Nockerl mit Schinken drin, frittierte Pulpitos und in der Mitte ein Tomatenpüree. Wolfgang muss sein Bier dreimal bestellen, denn unser Chaos-Kellner vergisst jedesmal die Bestellung, bevor er an der Bar ankommt. Fragt sich nur, wie viele Bier wir schlussendlich auf unserer Rechnung haben? Trotzdem fühlen wir uns hier sehr wohl in dem alten Sammelsurium an alten Fahrrädern und alten Nähmaschinen, aus denen man die Tische gebastelt hat.

Wir bezahlen und spazieren Richtung Hotel, dabei machen wir noch einige Nachtaufnahmen der Stadt. Langsam füllen sich die Sitzplätze in und außerhalb der Bars und Restaurants. Andere Länder, andere Sitten, bei uns zuhause wird früher gegessen.

Es ist zwar nichts Schönes, aber erwähnenswert, dass es hier sehr viele Obdachlose gibt. Der eine liegt jetzt eingehüllt in Lumpen im Vorraum einer Bank direkt unterm Bankomat, nicht weit daneben der nächste vor dem Schaufenster eines exklusiven Brautladens. Es ist uns bei unserem Rundgang durch die Stadt schon aufgefallen, dass überall gebettelt wird. Das tut uns richtig leid.

Im Hotel angekommen, erklimmen wir die Stockwerke zu unserem Zimmer und dann geht´s ab unter die heiße Dusche und danach in die Federn. Buenas Noches y hasta mañana!

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