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Ein wunderschöner Tag begrüßt uns heute und wir freuen uns auf die Wanderung rund um die Caldeira, einem großen Vulkankegel. Unsere Rücksäcke sind schnell gepackt und danach gehen wir in den Frühstücksraum und begutachten das Buffet. Dabei entdecken wir frisch gebackenes Brot und selber eingekochte Marmeladen. Mmmh lecker!

Auf Anraten unseres Reiseführers machen wir uns frühzeitig auf den Weg Richtung Caldeira, denn je später es wird, umso wahrscheinlicher kann es sein, dass Wolken den Kegel einhüllen. Von der Ortschaft Flamengos führt eine acht Kilometer lange stetig ansteigende Teerstraße, gesäumt von meterhohen Hortensienbüschen bis zum Kraterrand. Aber erst mal müssen wir es aus dem Ort schaffen, denn unser Navi schickt uns in den Gassen hin und her, egal ob Einbahnstraße oder nicht. Während wir so herumirren, fallen uns die hübschen Postkästen auf, die auf fast jeder Mauer zu finden sind. Kleine Häuschen in allen Farben prägen das Ortsbild, wirklich entzückend! Für uns noch etwas kurios wirkend, beinahe jedes Haus hat im angrenzenden Garten seine eigenen Kühe, angeleint an Pflöcken.

Je näher wir der Caldeira kommen, umso schlechter wird das Wetter. Leider hat es mittlerweile zu nieseln begonnen, aber das stört die Pferde und Kühe nicht bei ihrem Spaziergang auf der Straße. Daher müssen wir so mancher Herde den Vortritt lassen, die die Straße bevölkert. Die Wartezeit nützen wir, um uns ein wenig in der Natur umzusehen und die großen, blauen Hortensienblüten zu bestaunen. Die Büsche ergänzen die hohen Zedernwälder und üppige Farne bedecken den Boden. Die satten Farben bilden ein schönes Bild und unsere Euphorie darüber lässt zeitweise die tief herunterhängenden grauen Wolken vergessen. Hier möchte ich auch eine Kuh sein, denn faul herumtrotten in so einer traumhaften Umgebung und das sattgrüne Gras, mmmh. Anstelle von Lattenzäunen sind die Umfriedungen aus blühenden Hecken – ach, ist das schön.

Wir klettern mit unserem Auto weiter den Berg hoch und halten immer wieder bei Miradouros an, um die Ausblicke zu genießen. Aber heute müssen wir uns mit den Bildern und Beschreibungen auf den Infotafeln begnügen, denn zu sehen gibt es nix. Dicke Dunstwolken hüllen die Umgebung komplett ein und feuchte Luft strömt im Wind.

Dann erreichen wir den Krater und unsere Enttäuschung ist riesengroß, denn mit Wandern ist heute nichts. Eiskalter Wind pfeift uns um die Ohren und der Kessel ist gefüllt mit grauen Wolkenschwaden. Schade, wir haben uns schon so auf diese Wanderung gefreut, die das Highlight der Insel ist. Am Bergkamm sind Wanderer auszumachen, die beinhart ihr Programm durchziehen. Kann man nur hoffen, dass sie einen Kompass mithaben, damit sie sich in dem Nebel nicht verirren.

Vom Parkplatz erreichen wir in nur wenigen Schritte durch einen Tunnel eine Aussichtsplattform. Auf einer Infotafel können wir uns Fotos ansehen, wie der Boden des Vulkans aussehen könnte. Während wir die Bilder der endemischen Pflanzen und Tiere und den ausführlich erklärten Wanderweg studieren, nähern sich uns die Wanderer. Um Himmels Willen, sie sind bekleidet mit kurzen Hosen und luftigen Jacken. Ihren Erzählungen nach sind die beiden Deutschen auf dem Weitwanderweg unterwegs und haben heute noch eine ordentliche Etappe vor sich. Gänsehaut macht sich vom Schienbein bis zu den Armen breit, mir läuft beim Anblick ein Schauer über den Rücken. So verrückt muss man sein!

Wir beschließen, diese Wanderung auf morgen zu verschieben und fahren über Stock und Stein auf einem anderen Weg den Berg hinunter. Über eine wilde Serpentinenstraße inmitten einer Kuhweide rumpeln wir mit unserem Fahrzeug Kurve für Kurve, immer bedacht, dass wir auf keinem größeren Stein aufsitzen. Wie es bei unseren Urlauben so ist, machen wir ja sowieso alles anders und seitenverkehrt und meist wissen wir nicht, was uns nach der nächsten Kurve so erwartet. Heute ist es eine unsealed Straße, die wir beinah im Blindflug fahren müssen, weil die Nebelschwaden so tief herunterhängen, dass wir oft keine fünfzig Meter mehr sehen.

Am Fuße des Berges zeigt sich wieder Sonnenschein, blauer Himmel mit Wolken und das leichte Lüftchen stört uns nicht. Hauptsache, wir haben wieder schönes Wetter. Mit einigen kurzen Fahrtunterbrechungen steuern wir auf die Westküste der Insel zu. Anfangs sind die Wiesen und Straßenränder bewachsen mit den schönen leuchtend orangen Montbretien und den lila blühenden Schmucklilien. Je näher wir an die Küste von Capelinhos kommen, umso skurriler wird die Landschaft. Sie wurde von einem Vulkanausbruch 1957 geformt und gleicht einer Mondlandschaft. Mehr als 30 Millionen Tonnen Lava und Asche spuckte der Vulkan aus und ließ dabei die Insel um mehr als zwei Quadratkilometer wachsen. Die Hälfte davon hat sich inzwischen das Meer wiedergeholt und ist im Wasser versunken.

Der Leuchtturm von damals steht jetzt inmitten einer Staub- und Steinwüste und ist heute ein Teil des Interpretação do Vulcão dos Capelinhos. Das Besucherzentrum liegt eingegraben unmittelbar neben dem Leuchtturm und zeigt historische Filme, Bilder und Fundstücke. Wir genießen lieber das schöne Wetter und die erstaunliche Landschaft und beschränken unsere Besichtigung auf den Leuchtturm. Mühsam erkämpft sich die Natur Stück für Stück zurück und so wachsen aus Ritzen und Löchern Mittagsblumen und gelbe Königskerzen. Gräser fühlen sich im Sand pudelwohl und vereinzelt behaupten sich auch niedrig wachsende Nadelhölzer. Lavabrocken liegen skurril dazwischen, so als hätte man sie als Dekoration genauso hingelegt.

Wir steigen bis zur Abbruchkante hoch und genießen einen traumhaften Ausblick auf das Türkis farbige Meer. Das Wasser peitscht weiß ans Gestein und Möwen und Sturmtaucher lassen sich kreischend in der Luft gleiten. Beinahe mutterseelenallein studieren wir das Gestein und an vielen Stellen sind die gestockten Ströme sehr gut sichtbar. Grauslich der Gedanke, dass hier zweihundert Erdbeben dem Ausbruch vorangegangen waren und sich die Insel im Westen einen halben Meter gehoben hat. Auf der gegenüberliegenden Seite sieht man den Vulkankrater Cabeço Verde, grüner Kopf.

Nur wenige Kilometer weiter erreichen wir beim Porto Comprido das Meer, wo sich noch Reste des Fischerdorfes befinden, besser gesagt, die Dachgiebel, die aus der gestockten Lava gucken. Wir schlendern auf einem betonierten Weg entlang, der direkt ans Wasser führt. Zwei junge Mädels liegen hier auf einem abgeflachten Felsen und lassen sich in der Sonne braten. Um nicht zu schnell durchzugaren, steigen sie hin und wieder vorsichtig ins Meer. Wie eine überkochende Milch schaut das Wasser aus, dass über die Felsen schwappt. Fasziniert beobachten wir die Bewegungen des Meeres und sind überwältigt von den Farbkontrasten des schwarzen Gesteins, dem blauen Himmel, und den Farben des Wassers, die nicht schöner sein könnten. Krebse kämpfen gegen die Macht des Wassers an und krabbeln die Felsen hoch und in kleinen, natürlichen Pools tummeln sich kleine Fische. An der Oberfläche schaukeln Portugiesische Galeeren, Quallen aus der Gattung der Seeblasen. Bei Berührung mit den kleinen, lila farbigen Luftballons bekommt man einen Stromschlag, der sogar zu Atemnot oder zum Herzstillstand führen kann. Schmerzhafte Verbrennungen verursachen die Nesselzellen der blauen Tentakel. Sie sehen so unwirklich und harmlos aus, kaum zu glauben, dass diese Tiere so gefährliche sind. Im Becken daneben gleiten die fast durchsichtigen, hellrosa Quallen im Wasser.

Bis zum September 1957 war der Porto Comprido die größte und produktivste Walfangstation der Azoren, wo einige der berühmtesten Offiziere und Harpuniere von Pico und Faial arbeiteten. Heute können wir nur noch Angler beim Fischen zusehen, die mit Geduld auf guten Fang hoffen. Im Schatten eines Felsens sitzend, genießen wir die angenehme Wärme, während wir unsere Jause verspeisen. Gesellschaft bekommen wir dabei von kleinen Echserln, die sich auf unsere Brösel stürzen und in Windeseile verdrücken.

Wir packen zusammen, gehen zum Auto zurück und fahren die Straße weiter bis zur Abzweigung, die den Weg zeigt auf den Cabeço Verde. Der letzte Straßenabschnitt besteht aus einem roten Schotterweg, gesäumt mit den blauen Hortensienhecken. Der 500 Meter hohe Vulkankegel ist mit üppiger Vegetation in allen Grünschattierungen überzogen, der komplette Gegensatz zur staubtrockenen Westspitze der Insel. Im dichten Dschungel wachsen Farne, wilder Ingwer, Wandelröschen und Wacholderbüsche. Der Boden ist bedeckt mit den Blüten des rosaroten Himalaya-Knöterichs. Wir spazieren rund um den Grater und haben immer wieder gute Blicke auf Capelinhos. Begleitet werden wir dabei vom Gezwitscher der Vögel, doch bei genauerem Hinsehen entdecken wir auch in der Luft spielende Fledermäuse. Der sogenannte Azoren-Abendsegler ist nur auf den Inseln hier endemisch und tagaktiv.  Es bedarf viele Versuche, die kleinen Tiere bildlich festzuhalten, doch nach einigen erfolgreichen Fotos treten wir den Rückweg an, den Hügel hinunter.

Unseren nächsten Halt legen wir beim Meerwasserpool in Varadouro ein, einem Ferienort an der Steilküste. Inmitten von schwarzen Felsen befinden sich mehrere Naturschwimmbecken, wo sich auch Badegäste abkühlen. Das Wasser prescht an die Steine und die überschwappende Menge reicht, um unsere Schuhe zu waschen. Fahnen zeigen an, ob Baden gestattet ist oder nicht. Direkt am Meer steht die gelbe Flagge waagrecht im Wind und als hätten die Bademeister unsere Worte gehört, sind sie auch schon zu Stelle und wechseln die gelbe gegen eine rote Fahne aus. Badesachen haben wir leider keine mit und so begnügen wir uns mit Espresso und Eis im Schatten eines rot blühenden Eisenholzbaumes.

Wir fahren wieder quer durch die Insel auf holprigen Nebenstraßen und im Nu befinden wir uns inmitten eines Weidegebietes. Die Kühe starren uns mit ihren treuseligen Blicken an und beim Anblick von so manch einer Baby-Kuh wird man echt zum Vegetarier. Kurz vor 17:00 Uhr erreichen wir wieder die Caldeira und es bedarf keiner großen Überlegung, dass wir um diese Zeit noch die Wanderung rund um den Kegel antreten. Im Gegensatz zu heute Morgen erstrahlt der Vulkankessel in voller Pracht und alle Wolken sind wie weggeblasen. Schnell noch die Wasserflaschen auffüllen, eine Jacke einpacken und dann geht´s auch schon los.

Der Anstieg bis zu den Antennenanlagen ist steil und ausgetreten und kostet uns viel Atem, aber die Aussicht in den Vulkan hinein ist einfach wunderschön. Daher kommen wir anfangs auch nur langsam voran, denn nach wenigen Schritten bietet sich wieder ein anderer Einblick und muss mit der Kamera festgehalten werden. Das schöne Abendlicht lässt die Farben so traumhaft erstrahlen, dass wir unser Glück kaum fassen können. Stellenweise ist der ausgetretene und schmale Pfad schon ein wenig abenteuerlich, weil von den Regengüssen der letzten Tage die Erde sehr nass und matschig ist. Auch sind Streckenabschnitte dabei, wo wir bis zu den Hüften durch engste Furchen stapfen müssen. Wir befinden uns beim Alto do Guard auf 997 m Höhe und haben tolle Blicke auf die Nachbarinseln. Weil der Blick vom Wanderweg abgewendet ist, hätte ich beinah das kleine Haserl übersehen, dass mitten auf dem Weg im Schutz eines Grasbüschels sitzt. Von uns hast du nix zu befürchten, du winziges Geschöpf!

Wir müssen weiter, denn es wird langsam schon etwas frisch. Nach gut drei Viertel des Weges müssen wir mitten durch ein Hortensiendickicht, aufgrund der Höhenlage steht hier die Blüte erst in ein bis zwei Wochen bevor. Der letzte Abschnitt führt außen entlang des Gatters einer Kuhweide und von hier oben haben wir einen schönen Blick auf den Berg Pico, der wie mit einem Heiligenschein umgeben zu unseren Füssen liegt. Nach mehr als zweieinhalb Stunden erreichen wir schließlich den Parkplatz wieder. Müde, aber glücklich unsere Wanderung doch noch gemacht zu haben.

Während auf der Herfahrt Pferde und Kühe im Weg gestanden sind, wuseln jetzt Hasen und Vögel über die Straße. Aufgrund von Straßensperren erreichen wir Horta über den Miradouro De Nossa Senhora da Conceição, wo ein hohes Kreuz auf einem Aussichtsplatz steht. Der fantastische Blick auf die Stadt, den Hafen und auf den Monte Guia ist ein Traum, den wir kurz genießen.

In Horta kehren wir noch einmal im Peter´s Café Sport ein und gönnen uns nach dieser Wanderung ein Steak mit Süßkartoffelpüree und gegrillter Ananas. Wow, das klingt gut – so schnell ist der Vorsatz, Vegetarier zu werden, wieder aufgegeben. Aber leider ist das Fleisch so totgebraten wie eine Schuhsohle. Das Püree schmeckt dafür lecker, denn es ist mit Zimt oder Kardamom verfeinert. Auch der kross gebratene Bacon ist super und satt sind wir trotzdem.

Zurück in unserer Quinta freuen wir uns jetzt auf eine Dusche und frisch gewaschene Haare. Danach kugeln wir noch in den Betten herum und vertreiben uns den restlichen Abend mit Lesen und Plauschen.

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