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Während der Nacht regnet es durchgängig und auch beim Morgengrauen hält die dicke Wolkendecke den Himmel bedeckt. Auf dem Weg zum Frühstück nieselt es noch leicht und eine Stunde später schaut es schon etwas besser aus. Wir beschließen heute mal in den Süden zu fahren auf der Suche nach dem schönen Wetter. Beinahe nach jeder Kurve zeigt sich eine andere Wettersituation. Über dem Meer herrscht nahtlos blauer Himmel, dafür hängen an der Steilküste die Nebelschwaden. Die Azoreaner haben uns schon mehrmals erzählt, dass es gang und gäbe ist, vier Jahreszeiten an einem Tag zu haben. Na ja, dann sind wir mal gespannt darauf.

Unseren ersten Halt machen wir in São João, unmittelbar gegenüber vom Rathaus und neben der Käserei. Hier befinden sich auf einem Platz zwei Sennen in Bronze, die an die ursprünglich drei Käsereien erinnern. Die Rezepte dieses Handwerks wird schon über Generationen weitergegeben von der Großmutter bis zum Enkerl. Der besondere Geschmack ist wohl auf die gute Milch der Kühe zurückzuführen, die sich in dieser wunderschönen Landschaft frei bewegen können. Die Käserei wurde laufend vergrößert und modernisiert, um mit dem technologischen Fortschritt mithalten und die Qualität bieten zu können. Der Käse reift 21 Tage in einem kühlen Raum bei 75 % Feuchtigkeit und 9 Grad Celsius. Geplant wäre, eine Tour durch die Käserei zu machen, aber leider müssten wir da eine Gruppe sein und hätten uns anmelden sollen. Dafür dürfen wir etwas Käse verkosten, mit dem Kauf wird es auch nichts, da der Käse nur in größeren Laiben angeboten wird und für uns ist das zu viel. Neben dem Eingang erhaschen wir durch das Insektengitter einige Blicke auf die fleißigen Frauen, die den Käsebruch in Formen füllen.

Das Wetter wird immer schöner, aber es ist sehr schwül, gefühlte 120 % Luftfeuchtigkeit. Auch wir erleben heute immer wieder Wechselbäder von oben, aber die sind jedes Mal schnell vorbei.

Wir fahren weiter in das etwa 10 km entfernt gelegene Dorf São Matheus, das Ende des 15. Jhdts. besiedelt wurde und 1572 zum Wallfahrtsort wurde. Der imposanten Kirche mit ihren zwei Türmen, die inmitten eines Platzes thront, statten wir auch einen Besuch ab. Wir pilgern ins Innere und sind beim ersten Blick wie erschlagen. Pastellfarbiger Kitsch, wohin man schaut. Am Altar ragen rund um die Monstranz unzählige Engerlköpfe aus einer Wolke und gucken sich in der Kirche um. Figuren über Figuren und Bilder über Bilder, darunter der berühmte Bom Jesus Milagroso, der jedes Jahr am 6. August im Mittelpunkt steht. Für 20 Cent kann man eine elektrische Kerze anzünden und als „Sonderangebot“ sogar zehn für zwei Euro.

Da die Sonne den Regen immer mehr verdrängt, lockt uns die Küste vor São Matheus ans Meer. Die schwarzen Lavasteine bilden einen tollen Kontrast zum Meer. Stellenweise sind die Lavaströme gut sichtbar und haben große Naturbecken gestaltet. Wir schauen den Wellen eine Zeitlang zu, wie sie Wasser in die Becken schieben, das dann wie Fontänen in die Luft gespuckt werden.

Inmitten der schwarzen Fläche sind kleine Adegas versteckt hinter ebenso schwarzen Mauern – das sind alte Weinkeller, die heute als Ferienhäuser dienen. Im kargen Boden gedeihen nicht nur Weinreben, sondern auch Tamarisken und Eisenholzbäume, die mit ihren rosa und roten Blüten bunte Akzente setzen. Und wie überall auf der Insel wieder die roten Fensterrahmen, Türen und Gatter. Wir flanieren ein Stück die Küste entlang und freuen uns über die Schönheit und die friedliche Stimmung hier. Von dort unten haben wir auch einen weiten Blick auf den Pico, dessen Spitze in eine weiche Wolkenschicht eingehüllt ist. Beim Leuchtturm angekommen, drehen wir wieder um und fahren in die Ortschaft zurück. Dort hat nun der Tante-Emma-Laden mit Kunsthandwerk seine Tür geöffnet und diese Einladung nehmen wir prompt an. Der Chef erklärt uns zu jedem Ding, wie es hergestellt wird, die Materialien und von wo sie herkommen. Er redet sich den Mund fusselig und irgendwie fühlen wir uns genötigt, das eine oder andere zu kaufen. Da entdecken wir im hinteren Bereich wirklich hübsche Häkeldeckerl, von denen wir dann zwei erstehen. Mit Liebe werden sie uns in hübsches Papier verpackt, sodass man sie gleich als Geschenk verwenden könnte. Im Minimarket daneben versorgen wir uns noch mit Nahrung.

Wir setzen unsere Fahrt fort entlang der Küste. Zwischen den kleinen Ortschaften wird die Natur genutzt, indem man landwirtschaftliche Felder angelegt hat. Da gedeihen Gemüse, Getreide, Wein und vieles mehr, die Wurzeln graben sich tief durch die poröse Lava. Der Stein stützt die Pflanze, Wasser kommt regelmäßig von oben und die Wärme des Gesteins sorgt dafür, dass alles gut gedeiht. 

Kurz vor São Caetano biegen wir ins Landesinnere ab und nehmen dort die Bergwertung in Angriff. Wir haben vor, die Strecke ein wenig abzuschneiden, um so schneller zum Pico zu kommen – so haben wir uns das zumindest gedacht. Doch es kommt oft anders, als man denkt. Wir haben uns schon viele Höhenmeter auf engstem Weg hochgekämpft, als der Weg immer schmäler und rumpliger wird. Als uns dann Mama-Kühe den Weg absperren, drehen wir unverrichteter Dinge um und zockeln den Bergrücken wieder hinunter. Daher nehmen wir doch die Straße Richtung Madalena und biegen kurz vor dem Zentrum dann ins Landesinnere auf die R 3-2. Von Kilometer zu Kilometer wird das Wetter wieder schlechter und wir beschließen, doch nicht zum Gipfel des Pico zu fahren.

Auf unserer Karte haben wir eine zweite Grotte entdeckt, die Furna de Frei Mathias und sie liegt auf der Fahrtstrecke zu unserem Appartement. Nach der halten wir nun Ausschau. Mittlerweile hängt grauslicher Nebel bis auf die Fahrbahn herunter und es nieselt. Wir folgen den eingezeichneten Kurven mit Argusaugen und suchen im Nebel nach einem Hinweisschild, das uns den Weg zur Gruta zeigt. Haben wir es übersehen oder gibt es gar kein Schild? Laut Markierung auf unserer primitiven Karte müssten wir schon ganz nahe sein. Etwa 10 km von Madalena entfernt kommen wir zu einem kleinen Parkplatz vor einer Einzäunung. Der Zugang zur Höhle führt laut Beschreibung über eine Kuhweide und das hier ist eine Kuhweide. Also parken wir, ziehen unsere Jacken an, schnappen unsere Stirnlampen und den Fotoapparat und stapfen los. Achtsam, um nicht in eine Kuhflade zu steigen, gehen wir auf einen Hügel zu, der mit Büschen überwuchert ist. Bingo – wir finden einen schmalen Steig in die Tiefe. Von Schritt zu Schritt wird es immer mystischer. Der Graterrand ist mit den rosa Blüten von wildem Thymian bewachsen, Farne überdecken den Eingang in die Röhre und Spinnweben spannen sich zwischen ihren Blättern und behindern den Eingang. Die Höhle ist etwa fünf Meter hoch und am Eingang sieht man am anderen Ende das Licht des Ausganges. Mutterseelenallein schreiten wir mit Ehrfurcht durch das Halbdunkel. Von den kleinen Stalaktiten tropft Wasser und die Wände schimmern silbern, giftgrün und rostfarben. Mit unseren Stirnlampen beleuchten wir die Wände und können die Bakterien und die erkalteten Fließströme der Lava sehr gut sehen. Verschiede Moose und Babyfarne bedecken die Steine. Wow, ist das beeindruckend und schön! Glücksgefühle steigen hoch und die Neugier, was noch alles kommt wird immer größer. Als wir am Ende ankommen, steigen wir nicht aus der Grotte, sondern drehen um und schaun uns das Ganze nochmal an. Als wir dann aus dem Loch steigen wollen, entdecken wir auf der anderen Seite noch eine Öffnung und beim näheren Hinschaun, sehen wir, dass diese Röhre noch größer ist. Hier gibt es aber kein Ende und so wird sie je weiter wir hineingehen, immer dunkler. Ich kann Wolfgang gar nicht mehr sehen, nur sein Kopf strahlt grell, wenn er in meine Richtung schaut! Ach nein, das ist ja die Stirnlampe! Plötzlich teilt sich die Röhre und ab da kann man nur noch gebückt gehen. Da diese dann immer enger wird und Lava den Weg blockiert, ist uns dann nicht mehr gut im Magen und wir drehen um. Das ist ein Erlebnis gewesen, nur wir zwei in dieser mysteriösen Unterwelt und das Tolle ist, dass wir aufgrund der Führung in der Gruta das Torres so viel Info haben und das alles auch in dieser Grotte wiederfinden.

Als wir wieder zum Parkplatz kommen, stehen zwei andere Autos da. Na, da haben wir Glück gehabt, dass wir die Gruta für uns allein gehabt haben. Mittlerweile haben wir November, dem Wetter nach, daher treten wir jetzt endgültig die Heimfahrt an. Die Fahrt durch die Berge wäre bei diesem Wetter schon sehr trostlos, wenn nicht das kräftige Blau der Hortensienblüten am Straßenrand und auf den Abhängen ein wenig Farbe in das triste Grau bringen würde. Wir haben keine hundert Meter Sicht mehr und müssen mit 40 km/h dahin zockeln. So mancher Autofahrer, der uns überholt, muss wohl ein Radar in sein Vehikel eingebaut haben. Ohne Licht und mit Geschwindigkeiten hier in der Pampas herumzufahren, ist schon sehr verantwortungslos. Und es ist daher auch kein Wunder, dass es dann immer wieder scheppert. Wie schon vor zwei Tagen kommen wir auf der Fahrt nach Hause wieder an einem Unfall vorbei. Ein Van hat es sich mit einem Kleinlaster angelegt, oder umgekehrt. Die Achse des Lasters ist auf jeden Fall nicht mehr zu gebrauchen.

Etwa fünf Kilometer vor Piedade an der Ostküste erleben wir wieder einen Jahreszeitenwechsel, die Wolken sind wie weggeblasen, als wäre es nicht mehr derselbe Tag. Blauer Himmel mit Wolken und keine Spur mehr von Regen – oder doch, über dem Meer zeigt sich noch ein zarter Regenbogen.

Nach einer wohltuenden Dusche treffen wir uns mit unseren Nachbarn auf dem Parkplatz. Nachdem bei unseren Vermietern heute „Sperrtag“ ist, fahren wir auf deren Empfehlung an die Küste zum Restaurante Ponta da Ilha, einem Fischrestaurant. Im Vorraum befindet sich ein großes Aquarium mit den verschiedensten Fischen, fast so, als könnte man sich das Tier direkt aussuchen. Frischer geht es gar nicht mehr! Wolfgang wagt sich heute über die Napfschnecken und seine Begeisterung ist groß. Aber auch mein Fisch ist vorzüglich. Danach verdrücken wir als Nachtisch noch Mousse-au-chocolat und Cheesecake. Auch einige Flaschen Wein werden geleert und so verlassen wir gegen 23:00 Uhr leicht beschwipst das Lokal. Es ist wieder ein netter Abend gewesen mit den Belgiern, aber leider der letzte, denn morgen ist großer Abreisetag.

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