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Der Himmel ist heute eingehüllt in eine Wolkenschicht und die Temperaturen sind sehr, sehr angenehm. In der Nacht dürfte es geregnet haben, denn unsere Terrasse und die Pflanzen und Büsche sind nass. Wir haben relativ lange geschlafen und sitzen dann auch gemütlich beim Frühstück.

Aufgrund dessen, dass wir heute später von Zuhause wegfahren, herrscht in unserem Ort Água de Pau bereits geschäftiges Treiben. An jeder Hausecke hängen die Männer in kleinen Gruppen rum, rauchen und quatschen. Das haben wir hier auf den Inseln schon öfter gesehen. Eine Gruppe Straßenkehrer ist auch schon unterwegs, wobei einer kehrt und die anderen zuschaun und ratschen. Aber irgendwann wird auch der eine fertig mit dem Kehren.

Auf der Fahrt nach Vila Franca do Campo beginnt es zu nieseln und dunkle Wolken hängen tief herab. Aber als wir das Ortszentrum erreichen, kommt langsam blauer Himmel durch. Wir stellen das Auto am Parkplatz ab und machen uns auf den Weg in die Altstadt und zum Hafen. Und auch hier wird fleißig gekehrt, um alles sauber zu halten.

Vila Franca do Campo war einst die Hauptstadt der Insel, bis 1522 ein Erdbeben alles zerstörte und Ponta Delgada diese Stellung übernahm. Alles wurde wieder aufgebaut und heute laden die Gassen zum Schlendern ein, was aber stellenweise sehr abenteuerlich ist, da die Gehsteige sehr schmal sind oder gar nicht existieren. Schmucke Straßenzüge führen durch das Zentrum mit den schönen weißen Häusern. Die Pforten der Igreja de São Pedro sind verschlossen, daher spazieren wir weiter und kommen zur nächsten Kirche, der Igreja Matriz. Die älteste Kirche der Insel ist verkleidet mit schwarzem Basalt und erreichbar über breite Treppen. Innen bestechen die vergoldeten Holzschnitzereien im Altarbereich und die großen blauweißen Fliesenbilder an beiden Seiten. Oberhalb der Monstranz ist ein schöner Jüngling, äh ein Erzengel dargestellt. Die Kirche ist gut besucht, vor allem von den schwarz eingehüllten Omis, wie man sie im Süden überall sieht.

Nicht weit von der Kirche entfernt, kommen wir zum Markt, den wir aber links liegen lassen, denn hier herrscht schon tote Hose. Dafür sind wir zu spät dran. Auf dem hübschen Largo (Platz) befindet sich mittig die Statue von Bento de Góis. Mit weißen Steinen wurden Schiffe im Boden eingelegt und lauschige Bänke laden zum Verweilen unter schattigen Platanen ein (der Schatten bringt aber nur was, wenn die Sonne scheint und das tut sie gerade nicht). Gemütlich ist es auf den Bänken aber allemal und auch hier hängen wieder die Männer rum. Rund um den Park liegen kleine Cafés und Bars, Banken und Geschäfterl, aus denen es rausmüffelt.

Fischgeruch liegt in der Luft – dem gehen wir mal nach und landen im Hafen. Hier existiert noch das Forte do Tagarete mit zwei Rundtürmen, die ursprüngliche Verteidigungsanlage, um die Angriffe der Freibeuter und Piraten abzuwehren. In den letzten Jahren bekam der Hafen eine neue Schutzmauer zur Freude der Fischer, denn sie können hier ihren Fang an Land bringen. Wie auf einem Jahrmarkt geht es heute zu, denn die „Lágrima de Cristo“ ist gerade dabei, die Ladung zu löschen. Mit einem Kran werden Bottich für Bottich aus dem Rumpf hochgezogen, gewogen und die Fische in große Kisten am Steg geschüttet. Special Friends stauben dazwischen immer wieder per Handschlag einige prächtige Exemplare ab und verschwinden unauffällig mit den Goodies. Wir können einem Fischer zusehen, wie er mit einem scharfen Messer den Fisch köpft, mit einem sicheren Schnitt den Bauch aufschlitzt und die Innereien entfernt. Die wirft er ins Wasser und im Nu stürzt sich ein Schwarm Möwen drauf. Werden sie nicht gefüttert, sind sie frech und klauen sich Sardellen aus den Kisten, die ein Stück daneben aufgestapelt sind. Dabei bekriegen sie sich noch gegenseitig, mit gespreizten Flügel und Gekreische reißen sie sich im Gefieder. Schnell wird die Beute runtergewürgt und Ausschau nach dem nächsten gehalten. Wir schlendern aus dem Hafenbecken, vorbei an der Marina, wo gerade die Guarda Nacional Republicana den Fang kontrolliert und das Abwiegen überwacht.  

Am Kai beobachten wir eine Zeitlang die Meereswellen, die die schon abgerundeten Steine ans Ufer wirft und dabei ein beruhigendes rollendes Geräusch erzeugt. Das Peitschen des Wassers ist die reinste Meditation und nur schwer können wir uns losreißen. Deshalb spazieren wir ein Stück am Ufer entlang. Von hier bietet sich ein schöner Blick zur vorgelagerten, naturgeschützten Insel Ilheu da Vila, mit einem Kraterpool. Auf den windgeschützten Mauern wuseln viele schwarze Echsen herum, kommt man ihnen zu nahe, sind sie auch schon in den Ritzen verschwunden.

Am Largo Infante Dom Henrique sitzt der Seefahrer Heinrich mit Krempenhut und mit abgebissener Nase auf einem Felsen und blickt zum Meer hinaus und wacht über die Seefahrerkapelle.

Auf einem Plakat können wir lesen, dass hier am 18. Juli ein Klippenspringen stattgefunden hat. Gesponsert von Red Bull sind die weltbesten Athleten der Welt (14 Männer und 8 Frauen) in 3 Sekunden mit 85 km/h 27 Meter in die Tiefe gesprungen. Ein Wahnsinn, da würde mir das Zuschauen schon Mut kosten.

Wieder zurück in der Stadt ist unsere Runde beim Rathaus vollendet. Der Renaissancebau stammt aus dem Jahr 1777 und ist erreichbar über eine doppelläufige Freitreppe. Auf dem Platz davor blickt Botelho, der Gründer der Stadt streng auf uns herab.

Pause ist angesagt und die machen wir im angrenzenden Park, der wie ein botanischer Garten im Liliputformat angelegt ist. Exotische Bäume ergänzen sich mit schönen Pflanzen und Blumen. Beschriftungen auf Azulejos erklären Namen und Herkunft. Gemütliche Bankerl unter den hohen Bäumen laden zum Verweilen ein und das machen wir, bis wir unsere Besichtigung fortsetzen.

Gegenüber dem Rathaus steht das Hospital da Misericórdia mit angeschlossener Kirche. Der wunderschöne Bau ist ein wahrer Blickfang mit seiner weißen Fassade und den schwarzen verschnörkelten Applikationen, passend die grünen Türen und Tore.

Nicht weit davon entfernt genießen wir zu Mittag azoreanische Küche. Uns schmeckt das Essen, dem Kleinen am Nachbartisch scheinbar nicht, denn er kotzt das Halbverdaute danach unter den Tisch.

Nach dem Mittagessen machen wir uns auf den Weg zur Kapelle Nossa Senhora da Paz, die oberhalb des Ortes auf einem Hügel thront. Man gelangt zu ihr über eine kurvige Kopfsteinstraße, beidseitig flankiert mit prächtigen Hortensienbüschen und dazwischen immer wieder lauschige Sitzgelegenheiten. Sie sind gedacht zum Kraft tanken für brave Wanderer, die sich den Berg hochquälen, um abschließend noch den Kreuzweg zur Kapelle erklimmen zu können. Auf der Treppengalerie, die zur Kapelle führt, zieren bemalte Kachelbilder, auf denen der Kreuzweg dargestellt ist. Der Abhang ist bepflanzt mit lila Schmucklilien und Hortensienbüschen. Einfach wunderschön, obwohl wir überall diesen üppigen Büschen begegnen, sattsehen können wir uns da nicht!

Wir machen einen Abstecher in die kleine Kirche und zünden ein Kerzerl an. Vom Altar aus Basaltgestein winkt uns Maria zu, die den kleinen Jesus am Arm trägt. Eine hübsche Figur, im Gegensatz zu jener, die wir in der Grotte unterhalb der Kirche bewundern können. Hier ist auch auf einer Tafel die Legende um die Heilige zu lesen. Einige Hirten trieben ihre Herde den Berg hinauf, als sie in einer kleinen Höhle ein Heiligenbild fanden. Sie erzählten dem Klerus das Geschehen und das kleine Bild wurde in die Kirche St. Michael gebracht. Am nächsten Tag aber war das Bild wieder in der Grotte hoch oben am Berg. Also begann man in der Nähe eine Kapelle zu bauen. Doch es geschah Mysteriöses, denn am nächsten Tag war der Bau an jene Stelle verrutscht, wo das Bild gefunden wurde. Also wurde der Bau dort fertiggestellt, wo sie sich heute befindet. Eine schöne Geschichte. Wie schon erwähnt befindet sich hier auch eine Figur, die über und über behängt ist mit Opfergaben von Gläubigen, auch Bilder und Steine wurden ihr dargebracht.

Von der Aussichtsplattform vor der Kapelle bietet sich ein phänomenaler Blick auf das weite Meer, Villa Franca do Campo, den Hafen und die vorgelagerte Insel, die landwirtschaftlichen Flächen und die vielen Glashäuser für die Ananaszucht.  

Wieder unten angekommen werden wir von einem Bauern begrüßt. Für einige Euro lässt er Touristen auf seinem Pferd aufsitzen und Fotos davon schießen. Das Fohlen soll dazu beitragen, dass er leichter „Opfer“ findet.

Das brauchen wir nicht. Wir setzen uns wieder ins Auto und fahren weiter ins Landesinnere hinein, wo üppige Vegetation die Straßenränder überwuchert. Wir passieren den Lagoa das Furnas, dessen Wasser in einem tollen Grün leuchtet. Den See lassen wir aber links liegen, unser Ziel sind die Caldeiras, die am östlichen Dorfrand von Furnas liegen. Auf der Fahrt zum Parkplatz sind die Nebelschwaden schon sichtbar, die aus den Vulkankesseln kommen. Ein freier Platz ist schnell gefunden, die Kappe aufgesetzt, Kamera umgehängt und dann stapfen wir voller Erwartung los. Wir überqueren die Straße und upps, schon aus den Löchern der Kanaldeckel dampft es warm heraus. Nach wenigen Schritten befinden wir uns inmitten der vor sich dahindampfenden Caldeiras, wo es in jedem Loch spuckt oder brodelt. Es stinkt, ähm riecht nicht sehr gut, aber das ist egal. Wie in einem Park liegen die Löcher, Bäche und Steine nebeneinander und bieten Spektakuläres. Der Wind spielt mit den Nebelschwaden, die in der Luft tanzen und je näher wir zu einer Caldeira kommen, umso wärmer wird´s und die Luft immer stickiger. Aus jeder Pfütze steigen Blasen hoch und es ist schon oft ein mulmiges Gefühl, wenn man auf weichen Boden steigt. Trotzdem sind wir fasziniert von der vulkanischen Tätigkeit in den verschiedensten Möglichkeiten, sei es Wasser, Dampf oder Schlamm. Das Wasser der Caldeira Grande hat 98 Grad Celsius und fördert 6 Liter in der Minute aus den Tiefen der Insel. Dieses mineralhaltige Wasser wird auch in das nahe gelegene Kurhaus geleitet. Aus 22 Quellen schöpft man, um die verschiedensten Krankheiten zu mildern. Auch hier fließt aus einigen Brunnen Wasser, das dafür gedacht ist, es zu probieren. Na, das mach ich dann auch gleich mal. Igitt, das ist aber nicht wirklich zum Weiterempfehlen, selbst wenn das Wasser einen so schön klingenden Namen wie „Água Santa“ hat.

Die schwefelhaltigen Ablagerungen haben Steine, Erde und Gras in warmen Erdtonfarben gefärbt. Rote Luftwurzeln hängen von den Bäumen tief herab, sie lieben auch das warme, subtropische Klima. Aus der Caldeira de Esguicho schießt gelbes, kochendes Wasser heraus und es stinkt nach faulen Eiern. Rund um das Loch liegen weiße Säcke und erst denken wir, dass diese als Absicherung dienen, damit das heiße Wasser nicht zu weit spritzt. Doch schon kurze Zeit später werden wir eines Besseren belehrt, als nämlich ein Opa kommt und mit einer Metallstange diese Säcke herausholt. Jetzt riecht es nach frischgemachten Popcorn, der Inhalt der Säcke sind Maiskolben, die im heißen Sud gekocht werden. Für 80 Cent werden sie ans Publikum verkauft und sie finden regen Andrang. Am Parkplatz steht Stand neben Stand, wo Souvenirs, Eis und eben dieser Mais verkauft werden. Auch die Vögel haben noch Freude daran, sie stürzen sich über die Mistkübel, wo sie noch das ein oder andere Korn von den Kolben ab picken.

Nachdem uns die Luft aber dann zu stickig wird, schlendern wir in den kleinen Ortskern, wo wir erst der Kirche einen kurzen Besuch abstatten. Sie besitzt zwei Glockentürme, wobei einer davon nur eine hölzerne Attrappe als Glocke hängen hat, da das Geld ausgegangen ist. Sakrale Musik begleitet unseren Rundgang im Inneren, das schlicht, aber geschmackvoll eingerichtet ist. Auch hier zieren wieder blauweiße Fliesenbilder die Wände, prachtvolle Fensterbilder über dem Altar laden zum genaueren Betrachten ein und von der schwarzen Holzdecke hängen mächtige Kronleuchter.

Bevor wir uns auf die Rückfahrt machen, plündern wir noch einen kleinen Kramerladen und versorgen uns mit den wichtigsten Lebensmitteln, die wir für die nächsten Tage noch brauchen.

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