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Heute ist Sonntag – es ist halb zehn Uhr, als wir aufbrechen. Wir fahren durch die Ortschaft Lochau, die sehr verschlafen wirkt – auch Autos sind wenige auf den Straßen unterwegs. Unser erstes Ziel ist das Seehotel am Kaiserstrand, denn dort bekommen wir die Bodensee-Erlebniskarte (Thema „Landratten“) zu kaufen, mit der wir uns in den kommenden zwei Wochen etwas Geld sparen möchten. Dann brechen wir auf Richtung Konstanz – da für heute kein so tolles Wetter gemeldet ist, haben wir ein Indoor-Programm gewählt.

Wir sind kaum eine halbe Stunde unterwegs, als erste blaue Flecken am Himmel sichtbar werden und hin und wieder kommt auch die Sonne durch. Wir würden uns jetzt echt wünschen, dass das heute so bleibt.

Im Nu erreichen wir den Grenzübergang St. Margrethen, wir befinden uns in der Schweiz und unser Navi schickt uns auch gleich auf die Autobahn. Jetzt heißt es schnell noch eine Vignette beschaffen, damit wir nicht zu Schwarzfahrern werden. Und nicht vergessen – Datenroaming in der Schweiz abschalten, sonst wird es teuer! Bei Arbon verlassen wir die Autobahn wieder und weiter geht’s auf der Autostraße. Wir passieren hübsche Orte, die sich inmitten landwirtschaftlicher Gegend befinden und wo sich Kuhweiden mit Apfelplantagen abwechseln.

Auf der Fahrt durch die Ortschaft Landschlacht entdecken wir plötzlich einen Zeppelin am Himmel.  Zwischen Bauernhöfen kommen wir zur Leonhards Kapelle, die uns mit Geläut empfängt. Wir treten durch die niedrige Holztüre ein ins Innere und sind überwältigt. Wow, ist die schön! Rechterhand befindet sich eine winzige Orgel und daneben eine Leiter, die in den Glockenturm führt. Rundherum zieren prächtige Fresken die buckeligen Wände. In der Hell-Dunkel-Technik wurden die Szenen dargestellt, das heißt, die linke Figur ist hell gehalten, während die Kleider der rechten Figur ausgemalt wurde und warme Farben werden ergänzt mit türkisen Flächen. Auf der rechten Wand ist der sogenannte Leonard-Zyklus dargestellt, von der Geburt um 500, seiner Taufe bis hin zu seinen guten Taten aus seinem Leben. Auf einer Tafel an der Innenseite der Eingangstür sind die ganzen Szenen toll beschrieben, sodass wir die einzelnen Bilder toll nachvollziehen können. Ein schlichtes Holzkreuz steht in der Mitte des Altars, dahinter die kleine blecherne Tür des Tabernakels. Passend der schlichte Blumenschmuck mit Asparagus und Orchideen. Eine Kirche wie aus Großmutters Zeiten und sie findet bei uns vollen Gefallen. Das ist schon das erste Highlight des Tages.

Im nahe gelegenen Lengwil kehren wir zu Mittag ins Restaurant Sternen ein, wo wir euphorisch mit „Grüezi Mitenand“ begrüßt werden. Im Wintergarten gibt’s noch ein freies Platzl für uns und nachdem wir die Speisekarte in die Hand gedrückt bekommen, sind wir leicht überfordert damit. Halb Deutsch, halb nicht Deutsch, da versteh ich ja die französische Übersetzung noch besser. Zu trinken bestellen wir Saft vom Fass, einen naturtrüben Apfelwein, alkoholfrei, eine Mischung von entalkoholisiertem Apfelwein aus dem Eichenfass mit naturtrüben Apfelsaft. Lecker! Das Essen schmeckt uns ganz gut, nur schade, dass das tolle, frische Gemüse seeehr weichgekocht ist.

Wir setzen die Fahrt fort und wieder entdecken wir den Zeppelin über uns. Kurz nach 13:00 Uhr erreichen wir Konstanz, nachdem wir kurz davor wieder die Grenze überquert haben, diesmal nach Deutschland. Wir folgen dem braunen Wegweiser mit dem Fisch drauf zum Gebäude von Sea Life. Im Parkhaus „Lago“ auf der anderen Seite stellen wir unser Auto ab und stapfen überirdisch über die Straße zum Eingang. Dank unserer Bodensee-Karte, sind wir ritsch-ratsch an der Kasse vorbei und stürzen uns ins Gewühl. Schon die ersten Becken faszinieren uns, weil da riesige Saiblinge, Störe und Flussbarsche federleicht ihre Runden ziehen. Das gesamte Gebäude ist wie eine Kulisse gestaltet, die in die Unterwasserwelt entführt vom Rhein bis in den Bodensee. Auf einem geschwungenen, schwach beleuchteten Weg liegen die Aquarien nebeneinander. Tafeln, mit Fotos, Name, Herkunft informieren den Besucher und Wissenswertes über die einzelnen Fische sind auf einem Display neben dem Becken zu lesen. Auch die Kinder werden animiert, spielerisch über die Wasserbewohner und deren Leben zu lernen. An den Wänden gibt es immer wieder rhetorische Fragen, wie „wussten sie, dass der im Bodensee heimische Fisch Blaufelchen heißt in manchen Teilen Bayerns und in Österreich Renke und dass er 50 % des Fischfangs ausmacht? Das haben wir natürlich nicht gewusst, aber jetzt.

Wir kommen zum Rotterdamer Hafenbecken und da gleiten unter anderen Kleingefleckte Katzenhaie und Aale durch das Becken. Einige Becken daneben verzaubern die Pinken Tip Anemonen die Besucher, denn durch eine im Innenraum angebrachte Lupe können die pinken Tentakeln beobachtet werden, die diese Anemone nicht einziehen kann. Eine Sensation bei Groß und Klein ist das runde Becken mit den Rochen, Flundern und Katzenhaien. Eine Flunder buddelt sich im Sand ein, sodass nur noch ihre Kugelaugen rausgucken. Rutscht ein Rochen mit der Unterseite an der Scheibe, schaut das so aus, als würde er lachen. In einem kleinen Becken dahinter spielt ein Mitarbeiter mit einem Kraken, der sich mit seinen Saugnäpfen am Spielzeug festhält. Schon von weitem sind die Kinder zu hören, wie sie rufen „da sind Nemos“. Dabei hat der hübsche Fisch den schönen Namen „Falscher Clownfisch“. Uns faszinieren die Röhrenaale, die nicht größer sind als unsere Regenwürmer und aus dem Sand rausgucken – zwei streiten sogar miteinander, während sich die dahinter abschmusen.

Die Hautattraktion von Sea Life ist der acht Meter lange Acrylglas Tunnel, wo sich verschiedene Haiarten, Meeresschildkröten, Rochen und anderes Getier bewegen. Schildkröten gibt es schon seit mehr als zweihundert Millionen Jahren und entwickelten sich schon vor den Säugetieren, Vögeln und den meisten anderen Reptilien. So manche kann über ein Jahr lang ohne Nahrung auskommen. Gegenüber die hübschen Diskusfische, die strahlend rot-weiß gefleckt sind. Die roten Piranhas mit ihren leuchtenden, goldenen Punkten auf dem Rücken ziehen auch viele Interessierte an. Sie sind nur aggressiv während der Brutzeit zur Verteidigung der Gruppe und bei Futterknappheit. Sie gelten als Gesundheitspolizei, da sie kranke Tiere fressen und somit das Ausbrechen von Krankheiten verhindern. Werden sie von oben von der Sonne bestrahlt, glitzern sie und werden nicht als dunkle Beute von anderen erkannt.

Zum Schluss kommen wir zu den Eselspinguinen, den Namen haben sie davon, weil sie ähnlich schreien wie Esel. Sie sind nach den Kaiser- und Königspinguinen die drittgrößte Pinguinart und Sea Life hat elf davon hier im Becken. Sie verdrücken dieselbe Menge an Futter wie der Rest der Tiere hier gemeinsam. Makrelen und Heringe sind ihre bevorzugten Fische und um 11 und 15 Uhr ist hier Fütterung. Pinguine sind sich ein Leben lang treu und das Männchen wirbt um sein Weibchen mit schönen Steinen. Auch ein schwules Pärchen lebt hier und sie adoptieren in freier Wildbahn die Eier von anderen, wenn diese nach dem Fischen nicht mehr zurückkommen.

Viele Eindrücke und Informationen reicher verlassen wir Sea Life und spazieren zum Hafen weiter. Hier befindet sich am Seeufer das prächtige Konzilgebäude. 1388 als Steinbau errichtet, diente das einstige Kaufhaus als Lager für Handelsgüter. Heute finden hier Konzerte und Ausstellungen in den zwei übereinander liegenden Hallen statt.

An der Hafeneinfahrt werden die Schiffe von der neun Meter hohen Statue der nackten, römischen Prostituierten Imperia begrüßt. Auf ihren ausgebreiteten Armen hat sie zwei Gnome sitzen mit den Insignien von Papst und Kaiser. Entworfen wurde sie vom berühmten Bildhauer Peter Lenk, ist aus Beton gegossen und dreht sich um ihre eigene Achse. Seit 1993 ziert sie den Hafen und ob sie Gefallen findet, das bleibt jedem selber überlassen.

Trotz des kühlen Wetters hängen viele Besucher rund um das Hafenbecken rum und so mancher lässt auch seine Füße ins Wasser hängen. Dort tummeln sich Schwäne, Enten und Möwen. Die Tretboote schaukeln einsam sanft im Wasser hin und her und warten vergeblich auf sportlich aktive. Es ist zu frisch und die Zeit ist heute auch schon fortgeschritten.

Wir setzen unseren Spaziergang fort entlang der Gasse vom alten Rathaus am Fischmarkt 2. Wir kommen zum Hohen Haus, ein siebenstöckiges Haus, erbaut 1294 und hier befand sich in früheren Zeiten der obere Fischmarkt. Der Name kommt daher, dass es einst das höchste Haus der Stadt war, mit Ausnahme von Kirchen. Imposante Fresken schmücken die Fassade und rote Fensterläden lassen das Gebäude erstrahlen. Die alten Häuser rundherum beherbergen noble und elegante Mode- und Taschengeschäfte, Schmuckläden und Möbelhändler. Alles Unikate und in Handarbeit hergestellt, Preise getraut man sich nicht dazuzulegen.

Die Gasse endet bei der romanischen Stephanskirche, die im 15. Jhdt. im gotischen Stil erweitert wurde. Auch hier beginnt das Geläut, als wir die Pforten öffnen. Außen ist die Kirche unscheinbar, erwartet den Besucher eine Pracht im Inneren. Bunte Glasfenster, eine imposante Orgel, aber vor allem die Fresken auf den Säulen, der Decke und im Altarraum verzaubern den Betrachter. Sie ist die älteste Kirchengründung von Konstanz und reicht bis in die Römerzeit zurück.

Nur wenige Schritte entfernt kommt das Münster „Unserer Lieben Frau“ in Sicht. Die wuchtige Basilika liegt am höchsten Punkt der Altstadt und am Jakobsweg. Von hier sind es nach Santiago de Compostela noch 2.340 Kilometer. Der 76 Meter hohe Turm ragt aus dem Häusermeer und auch hier werden wir mit Glockengeläut empfangen.  Ehrfürchtig betreten wir den Innenraum und sind überrascht von der Schlichtheit. Nach einem Rundgang, besichtigen wir nacheinander die Kapellen. Als erstes die Margareten-Kapelle, die der ehemalige Bischof errichten ließ. In der Hallenkrypta werden vergoldete Scheiben aufbewahrt mit Motiven von Christus, Konrad und Pelagius. Seitlich gehen zwei stollenartige Gänge weg, die von Pilgern genutzt wurden, um die Reliquien zu besuchen. Das Highlight des Münsters ist die Mauritius-Rotunde, die der Bischof von Konstanz nach dem Vorbild der Grabeskirche in Jerusalem errichten ließ. Er war darin bis zur Reformation bestattet, danach wurden seine Reliquien in den See geworfen. Man könnte viel Zeit hier im Münster verbringen und immer wieder würde man was Neues entdecken.

Auf dem Platz vor dem Münster befindet sich eine kleine Glaspyramide, die 2003 über den Resten von römischen Ausgrabungen gebaut wurde.  An schönen Tagen muss hier auf dem Platz so einiges los sein, denn die Cafés und Restaurants haben viele Tische aufgestellt und einige Hartgesottene sitzen auch da und genießen ihre Drinks und Snacks. Dabei können sie dem Papa zusehen, der mit einem Stock die Münzen aus dem Brunnen fischt und sie seinen Kindern zuschiebt. Hat man sowas schon gesehen? Das ist ja ordentlich dreist.

Es ist kurz nach 17:00 Uhr und wir kehren ins Brauhaus Johann Albrecht ein und wir bestellen ortsansässiges Bier. Wir sitzen im urigen Braustüberl, wo sich mittig die Kessel und rundherum die Tische befinden. Wir sind froh, noch einen freien Tisch ergattert zu haben, denn während wir unser Essen genießen – bayrische Tapas für Wolfgang und gebackenen Ziegenkäse für mich – kommen immer mehr Leute und fragen nach Sitzplätzen.

Mit dicken Bäuchen verlassen wir den Braugasthof und schlendern gemütlich weiter durch das Gassenlabyrinth der Altstadt von Konstanz bis wir an der Marktstätte zum Kaiserbrunnen kommen. Der Brunnen kann eine echt kuriose Geschichte erzählen, denn der damalige Bürgermeister von 1941 hat die ursprünglichen Figuren abmontiert und an die Rüstungsindustrie geliefert. Ein Künstlerehepaar hat ihn wieder ein wenig aufgemotzt mit skurrilen Darstellungen wie einem achtbeinigen Pferd, einem dreiköpfigen Pfau mit Papstkronen oder Hasen mit Fischköpfen. Die satirischen Elemente sollen an die Zeit des Konzils erinnern, wo es hoch hergegangen sein muss.

Wir schlendern von dort die Kanzleistraße hoch zum Rathaus und sind fasziniert von dem Kunstwerk, denn die Fassade ist übersät mit Freskenmalereien. Ursprünglich war es das Zunfthaus der Leinenweber und danach die Lateinschule. Man müsste die Stadtgeschichte genauer nachlesen, um die Szenen besser zu verstehen. Die Bilder sind mit so feinen Pinselstrichen und warmen Farben aufgemalt, gewaltig, was diese Künstler damals schon zustande gebracht haben.

Wir spazieren die gepflasterten Gassen weiter und kommen zur Dreifaltigkeitskirche. Von außen sieht die Kirche einfach und bescheiden aus und nicht wirklich einladend. Gegründet wurde die ehemalige Augustinerkirche im Jahr 1268. Wir betreten den Innenraum und bleiben mit offenen Mündern stehen. Die weiße Decke ist voll mit verschnörkelten Stuckornamenten und in der Mitte ein großes Fresko mit der Darstellung von Augustinus, der in den Himmel aufgenommen wurde. Auf beiden Seiten alte Fresken mit Motiven der Ordensgeschichte.

Unsere letzte Besichtigung führt uns zum Schnetztor, dem Stadttor mit Vortor und Teilen der Stadtmauer aus dem 14. Jhdt. Sie beherbergt eine Glocke aus dem 15. Jhdt. und als wir uns dem Tor nähern, fängt auch die zum Bimmeln an – eine freundliche Stadt. Im inneren Torbogen sind Teile von Fresken zu finden.

Es ist kurz vor halb acht und als wir unser Auto holen, sind wir überrascht, für den gesamten Tag nur 9,50 Euro berappen zu müssen. Na dann, vielen Dank und auf Wiedersehen!

Gemütlich fahren wir zurück in unserer Unterkunft und lassen dabei den ersten Tag Revue passieren. Wenn regnerische Tage hier so aussehen, dann sind wir voll zufrieden, denn der vorausgesagte nasse Tag waren nur einige Tropfen in der Früh und sonst nix. Dass die Sonne nicht so herunter prallt, das stört uns ja nicht.

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