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Der gestrige Tag und vor allem die Nacht waren anstrengend und daher ist es heute Morgen in den Federn noch so gut. Doch wir wollen den schönen Tag wieder nutzen und brechen nach dem Frühstück auf Richtung Allgäu.

Wir fahren über Hohenweiler die Serpentinen hoch in die Berge und passieren in Möggers die Grenze zu Deutschland. In nicht mal einer halben Stunde erreichen wir das erste Ziel. Unser Auto stellen wir auf dem Ortsparkplatz von Scheidegg ab, schnallen den Rucksack um, Kamera in die Hand und auf geht’s. Es ist kurz vor halb elf Uhr, als wir losstapfen und auf einem kleinen Güterweg inmitten einer Kuhweide die Ortschaft verlassen. Die Kühe chillen noch gemütlich in der Wiese, während Katzen schon auf der Lauer nach Beute sind. Der elektrische Weidezaun tickt und Erinnerungen an die Kindheit kommen hoch, wie wir damals Mutproben gemacht haben mit diesen Zäunen. Wer traut sich den Zaun anzufassen?

Der Weg ist gesäumt mit den Blüten des rosaroten Springkrauts und Flurkreuze schützen das Gebiet. Eine Viertelstunde später tauchen wir in ein Waldgebiet ein und Plätschern ist hörbar. Ein kleines Bächlein entspringt aus einem unterirdischen Rohr und begleitet unsere Wanderung. Hallo Mecki – in einer Waldlichtung hören wir das Geläut und dann sehen wir Ziegen, die genüsslich das satte Gras fressen. Nach den Streicheinheiten marschieren wir weiter und erreichen den Parkplatz neben dem Eingang der Scheidegger Wasserfälle. Hier gibt es Interessantes auf Infotafeln zu lesen über die Entstehung der Rohrachlucht und die verschiedenen Wanderrouten, um das Gebiet entdecken zu können.

Wir entrichten unseren Obolus, obwohl wir im Nachhinein lesen, dass wir mit unserer Bodensee-Karte kostenlosen Eintritt gehabt hätten. Ein schmaler Trampelpfad führt vorbei an den Gehegen von Hasen, Gänsen, Pfauen und kleinen Ziegen und wir gehen von einem Felsvorsprung geschützt unter einem kleinen Wasserfall durch. Ein kurzer Rundweg führt entlang des Wasserbettes, das sich durch das Waldgebiet gräbt. Anstelle von Schwammerl entdecken wir leider viel Müll, wie Plastik- und Glas, Bierdosen, Eispapier und Pappbecher. Schade, dass die Besucher des schönen Naturschauspiels nicht soweit denken, ihren Unrat in den Mistkübeln zu entsorgen oder mitzunehmen.

Am Ende des Weges kommen wir zu einem kleinen Spielplatz, der nicht nur für die Kleinen interessant ist. Hier können Staudämme gebaut werden und in einzelnen Stationen wird erklärt, was für eine Kraft das Wasser hat und dadurch Energie gewonnen werden kann, die keine Verschmutzung der Umwelt verursacht. Herunterfließendes Wasser kann mit der reinen Flusskraft ein Wasserrad antreiben. Auch einen sogenannten hydraulischen Widder kann man bestaunen, das ist ein Wasserheber, der mit Staudruck arbeitet und der betreibt hier auf dem Spielplatz die Geräte.

Am Spielplatz vorbei folgen wir noch ein Stück dem Weg und von dort öffnet sich ein weiter Blick auf den oberen Wasserfall. Dann schlendern wir den One-Way zurück, passieren wieder den Spielplatz und beginnen mit dem Abstieg der 234 Stufen steil bergab in die Schlucht hinein. Um zwischendurch wieder Luft holen zu können, wurden in fast regelmäßigen Abständen Informationstafeln aufgestellt, die über die Entstehung der Schlucht und die Vegetation hier erzählen. Während unseren Pausen können wir uns auch näher mit der Botanik beschäftigen. Im Mischwald gedeihen Tannen, Eiben, Buchen, Ahorne und so einiges mehr und am Waldboden fühlt sich der Riesen-Schachtelhalm wohl, der meterhoch Flächen bedeckt. Auch verschiedene Gräser und Büsche werden hier gepflanzt, um den Hang zu festigen, der dauernd ins Rutschen kommt. Trauen wir uns da jetzt wirklich hinunter, nachdem wir das gelesen haben? Seit 1992 steht die Schlucht grenzüberschreitend unter Schutz, indem der Wald sich selbst überlassen wird. Auf deutscher Seite sind das 177,5 und in Österreich 47,5 Hektar.

Wir erreichen den ersten Wasserfall, wo das Wasser des Bachs über zwei gewaltige Gesteinsstufen 22 Meter in die Tiefe stürzt. Die Wassermenge schwankt stark je nach Jahreszeit und Witterung. Bei der Schneeschmelze rutschen gewaltige Wassermassen durch das Bachbett und nehmen alles mit, was nicht Niet- und Nagelfest ist.

Wow, ist das toll und irgendwie schaut das Spektakel auch sehr elegant aus, wie die Wassermassen in das kristallklare Becken stürzen.  Wir steigen weiter hinunter und hier lesen wir auf einer Tafel über die unterschiedlichen Gesteinsschichten. Mit Fotos und Beschreibungen können wir in Natura die Geologie nachverfolgen. Hier wechseln sich harte und weiche Gesteinsschichten ab, Sandstein und Nagelfluh. Das ist eine Art Naturbeton aus Flusskies und Schlamm und der Name kommt daher, weil dieses Gestein aussieht wie die Köpfe riesiger Nägel. Wir sind auf dem unteren Aussichtsplateau angekommen und hier stürzt sich der Wasserfall weitere 18 Meter herunter. Ein weiter Blick in die bis zu zweihundert Meter tiefe Schlucht öffnet sich uns mit steil aufragenden Felswänden. Das Tosen des Wassers komplettiert die beeindruckende Atmosphäre, kein Wunder, das diese Schlucht zu den hundert schönsten Geotopen Bayerns zählt.

Langsam steigen wir die Treppen wieder hoch zum Ausgangspunkt, wo sich auch ein Kiosk befindet, der für das leibliche Wohl sorgt. Die Würstl schaun schon lecker aus, aber mit vollem Bauch wandert es sich nicht gut und wir haben heute noch einiges vor.

Am Gatter der Ziegen biegen wir rechterhand ab Richtung Ortschaft Rickenbach. Dort werden wir von einer Katze begrüßt, die uns um die Beine schmiert und sich von Wolfgang kraulen lässt, dass ihr der Sapper aus dem Maul fließt. Tschüß Katze, wir müssen weiter. Es ist warm geworden und wir sind froh, dass der Wanderweg wieder in den Wald hineinführt. Außer dem Knirschen des Schotters unter unseren Füßen ist nichts zu hören und wir genießen die friedliche Stimmung.

In einer Waldlichtung bei Aizenreute finden wir ein nettes Bankerl am Wegrand unter knorrigen Apfelbäumen und da verweilen wir eine Zeitlang. Vor uns liegt eine sattgrüne Wiese, dahinter ein schöner Mischwald, über uns blauer Himmel mit kleinen Wölkchen. Linkerhand steht ein prächtiger Bauernhof und aus dem Bauerngarten leuchten die gelben Blüten des Sonnenhuts und die violetten Herbstastern herüber. Bienchen summen und Vogelgezwitscher ist vom Wald zu hören. Die Sonnenstrahlen sind angenehm auf der Haut und während wir einen Müsliriegel verdrücken, lassen wir die Seele baumeln. Plötzlich huscht am Waldrand ein Eichkatzerl mit einer Nuss im Goscherl auf der Stromleitung entlang. Ach, ist der kleine Fratz süß.

Wir setzen unsere Wanderung fort, die Hügel hoch und wieder hinunter und nach kurzer Zeit ist auch schon das Rauschen von Wasser zu hören. Im Wald finden wir schöne Schwammerl, aber da wir unkundig sind, lassen wir sie wachsen, wo sie sind. Wir verlassen den Wald und müssen etwa eineinhalb Kilometer neben der Straße gehen, bis wir das unscheinbare Hinweisschild sehen „Hasenreuter Wasserfälle“. Nach einem kurzen Abstieg erreichen wir eine rot gestrichene Sitzbank, von wo wir eine super Sicht zu den Wasserfällen haben. Auch hier fällt das Wasser in zwei Abschnitten von der Kante in ein Becken, um von dort ruhig weiterzuließen. Die Sonne, die sich den Weg durch den Wald bahnt, glitzert im Wasser und das Plätschern ist richtig beruhigend. Die Hasenreuter Wasserfälle liegen knapp zwei Kilometer oberhalb der Scheidegger Wasserfälle und den Resten eines Wasserwerkes nach zu urteilen wurde die Wasserkraft hier früher genutzt. Eine Zeit lang gehört der Wald mit seinen Wasserfällen uns ganz allein und am liebsten wären wir noch länger geblieben. Ich steig ein Stück die Böschung hinunter, um noch einige Aufnahmen zu machen, während Wolfgang die Sicht von der Bank auf den Wasserfall auf sich wirken lässt.

Oben an der Straße wieder angekommen, wandern wir wieder entlang der Straße. Am Ende des Waldes haben die Scheidegger Naturfreunde das Futterhäuschen zur Freude der Vögel bereits mit Sonnenblumenkörner gefüllt und es herrscht reges Treiben. Wir haben unsere Futterstelle zuhause vor dem Urlaub auch angefüllt und das wird auch schon gut besucht von Amsel, Fink & Co.

Wir freuen uns auch schon auf Futter und daher schlendern wir hurtig weiter. An der Ortseinfahrt Scheidegg begrüßt uns ein Schild mit der Aufschrift „Sonnigster Ort Deutschlands“. Davon haben wir uns heute schon überzeugen können!

Kurz vor 14 Uhr sitzen wir dann gemütlich auf der Terrasse des Restaurants Cafés Alpenrose. Nachdem wir vierzig Minuten ignoriert / übersehen werden, wir aber hartnäckig verharren, gesellt sich dann doch noch eine Kellnerin zu uns und nimmt unsere Bestellung entgegen. Die Maultaschen in der Brühe schmecken uns gut und füllen den Salzhaushalt unseres Körpers wieder ein wenig auf.

So, jetzt sind wir wieder fit und spazieren gemütlich Richtung Parkplatz. Dabei kommen wir beim Standesamt vorbei, mintgrün getüncht, mit altrosa bemalten Fensterläden und üppigen Blumenschmuck. Das kleine Platzerl davor wird geziert von einem hübschen Kneippbrunnen. Es ist uns schon aufgefallen, dass hier in Scheidegg viele Häuser mit pastellfarbigen Holzfassaden in Fischgrät-Optik zu finden sind, jedes mit hübschem Garten davor. Der gesamte Ort ist herausgeputzt, ist er doch ein Heilklimatischer Kneippkurort.

Wir sind fast am Parkplatz angelangt, da entdecken wir das schnuckelige Café „Margit und Fehl“. Seit 2010 begrüßen und bedienen Margit und ihre Tochter die Gäste in einem traumhaften Garten oder drinnen in einer Puppenstube aus Großmutters Zeiten. Selbstgemachte Kuchen und kleine Mittagsgerichte machen sie zu einem Unikat. Das Haus wurde 1775 erbaut und wurde mehr als zweihundert Jahre von Benefiziaten bewohnt. Zuletzt beherbergte es den Gemeindereferenten bis zu seiner Versetzung. Gemütlich sitzen wir nun im Garten neben einem Rosenbusch und Kräutern. Auf dem Tisch wachsen in alten Kaffeetassen Hauswurz und Sedum und nach kurzer Zeit gesellen sich zwei Eiskaffees für uns dazu. Einfach lecker!

Wir müssen Abschied nehmen, schlendern zu unserem Auto und verlassen den Sonnenort über die Deutsche Alpenstraße. Die anfangs kurvenreiche Straße führt entlang satter Wiesen und hübscher Orte und während wir die Umgebung genießen, erreichen wir auch schon unsere Unterkunft in Lochau.

Nach einem kurzen Power-Napping hüpfen wir noch unter die Dusche, ziehen uns hübsche Kleidung an, brezeln uns auf und machen uns auf den Weg nach Dornbirn. Dort fahren wir mit der Seilbahn in fünf Minuten auf den Hausberg, den Karren. Der 971 Meter hohe Berg liegt südlich von Dornbirn und gehört zum Bregenzerwaldgebirge. Auf dem Gipfel thront ein Panorama-Restaurant, wo im März 2016 die Karren-Kante errichtet wurde, eine zwölf Meter über die Kante hinausragende gläserne Aussichtsplattform. Tja und da steh ich jetzt, 976 Meter über Dornbirn und überwinde meine Höhenangst. Ein letztes gemeinsames Selfie vor dem Sonnenuntergang, der heute aber nicht so richtig will und dann schlurfe ich mit zittrigen Beinen wieder auf sicheren Boden zurück. Geschafft!

Wolfgang hat zu unserem 10. Hochzeitstag einen Tisch hier reserviert und wir genießen guten Wein und tolles Essen. Leider beginnt es zu regnen und es bleibt uns ein toller Sonnenuntergang verwehrt, aber das Lichtermeer von Dornbirn ist auch wunderschön.

Auf der Rückfahrt unterhalten wir uns mit zwei Einheimischen, Vater und Sohn, die eben mal auf die Schnelle die vier Kilometer von Dornbirn auf den Karren in einer knappen Stunde raufgelaufen sind. Nur weil es ihnen heute zu dunkel geworden ist, haben sie beschlossen mit der Seilbahn wieder hinunter zu fahren. Papa zeigt uns auf seinem Handy noch Fotos vom Lauf, wie das Wetter vergangenem Sonntag gewesen ist. Da frisst uns ein wenig der Neid, denn ausgerechnet heute haben wir den einzigen verregneten Abend des ganzen Urlaubs. Das an unserem Hochzeitstag, wo wir den Anbruch der Nacht von oben beobachten wollten. Aber egal, wir haben uns beide und das ist das Wichtigste.

Auf der Rückfahrt regnet es noch leicht und es hat um halb neun abends noch 21 Grad. Mal schaun, wie es morgen wird, unserem letzten Tag am Bodensee.

Gute Nacht.

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