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Wir werden begrüßt von einem wunderschönen Morgen, da macht das Leben wieder richtig Spaß. Wir packen nach dem Frühstück mittlerweile routinemäßig zusammen und kurz nach 09:00 Uhr heißt es wieder Leinen los und salut! Nicht weit von Tournus entfernt shippern wir an der kleinen Ortschaft Préty vorbei und am Ufer der Saône stehen herrschaftliche Häuser. Fast einheitlich haben alle hellblaue Fensterläden, die mit dem hellen Gemäuer hübsch harmonieren. Sie werden von der Morgensonne angestrahlt, das ergibt ein richtig kitschiges Bild.

Nach einer halben Stunde kommen wir zur Kreuzung, wo der Fluss Seille in die Saône mündet. Der 100 km lange Fluss entspringt im Jura und ist von Louhans etwa 39 km schiffbar. Früher wurden hier Fässer transportiert, heute sind nur noch die Hausboote und Sportboote unterwegs. Mit einem Schlag wird der Fluss zu einem Flüsschen und die Ufer rücken näher. Die Tiere sind zum Greifen nahe und jetzt heißt es aufpassen und sich brav an die Karte halten, damit wir nicht stranden. Wir biegen um eine Kurve und da schlafen zig Schafe friedlich im Schatten eines Baumes. Ach, ist das eine romantische Stimmung.

Die wird aber bald etwas gestört, denn vor uns liegt die erste Schleuße und die schaut verdammt eng aus. Gott sei Dank kommt gleich der Schleußen-Wärter auf uns zu und hilft beim Anleinen. Dann spaziert er gemächlich zur Drehkurbel und hinter uns schließt sich das rechte Tor, gemütlich stapft er dann auf die andere Seite, macht das gleiche und dann müssen wir warten. Seitlich kommen die Wassermassen herein und in wenigen Minuten überwinden wir einen Meter. Jetzt sind wir gleichauf mit dem Gelände und – ia, ia, Bonjour Monsieur Esel. Oh, da sind ja zwei Esel, über uns kreisen die Raubvögel und auf der Brücke über der Schleuße steht ein Radfahrer, der unser Manöver interessiert beobachtet. So, die Schleuße vorne öffnet sich wieder und wir können rausfahren. Georg und Wolfgang sind damit beschäftigt, dass unser Boot nicht mit den Mauern touchiert, während ich gaaaaanz langsam das Boot aus der Schleuße steuere. Geschafft, wir können weiterfahren.

Der Kanal ist ruhiger, idyllischer und landschaftlich einfach ein Traum. Kleine Brückchen hier, alte Schleußen dort, dann wieder ein halb verfallener Holzsteg. Das Wasser am Ufer ist bewachsen mit Gräsern, Schilf, Bambus und Flächen von Teichrosen, das Gebüsch wächst wie Mangroven ins Wasser und es gibt natürlich wieder viele Reiher. In einsamen Buchten liegen verlassene Boote, wobei das ein oder andere sicher nicht mehr fahrtüchtig ist. Das Rauschen von den Blättern, das Piepsen und Zwitschern von den Vögeln und das Tuckern des Bootes sind richtig beruhigend. Die frische Brise vermischt sich immer wieder mit dem ländlichen Duft der Kühe und Pferde. An Stellen, wo das Ufer zugänglich ist, haben wir einen schönen Blick auf die Felder und Wiesen, wo sich die Tiere in der Vormittagssonne aalen. Mutterseelen allein tuckern wir den Fluss dahin, entblättern uns langsam aus unseren Jacken und tragen wieder dick die Sonnencreme auf, denn es wird schon wieder sehr warm.

Warm ist auch unserem Kühlschrank, denn seit gestern kühlt er nicht mehr. Da haben wir eine alte Hütte gemietet, alles ist marode und wir hoffen, dass uns das Boot nicht unter unseren Hintern wegbröselt. Am besten wir widmen unsere Aufmerksam wieder der traumhaften Landschaft, schließlich befinden wir uns in einem Naturschutzgebiet für Wasservögel. Und es lässt auch nicht lange auf sich warten, da sehen wir die ersten Ibisse und auch ein schöner Eisvogel kreuzt unseren Weg. Hier kommt der Begriff Fernsehen wirklich seine Bedeutung, denn obwohl wir nur dasitzen und nichts zu tun haben, gibt es so viel zu schaun und es wird nicht langweilig. Immer wieder sitzen die Vögel in Pose und aus dem Wasser tauchen die Fische auf. Universum in Live-Bildern und das alles ohne Werbepause. Wir sind total versunken in die wunderschöne Umgebung, sodass wir das Château de Montrevost fast übersehen hätten, als plötzlich durch ein Loch zwischen dem Gebüsch die vier Türme des Schlosses sichtbar werden. Von den Hollerbüschen, die am Ufer wachsen, strömt der süße Duft der weißen Blüten zu uns und die Äste der Weiden daneben hängen tief herunter bis zum Wasser.

Gegen Mittag erreichen wir die Schleuße bei Cuisery und keine Ahnung, wo die Boote hergekommen sind, hier ist auf jeden Fall die Hölle los. Ein Boot kommt aus der Schleuße, ein anderes fährt hinein.  Am Steg davor ist ein drittes angeleint und wir hängen uns zu ihnen, denn wir müssen warten, bis die Schleuße wieder frei wird. Dann ist es soweit, das Boot vor uns fährt ein und wir folgen ihnen. Nur gut, dass die Schweizer vor uns sich schon schlau gemacht haben, denn hier müssen die Kapitäne und ihr Crew selber Hand an die Schleuße legen. Da heißt es aussteigen und kurbeln und das gleiche wieder auf der anderen Seite. Super macht ihr das und danke, dass wir mit euch mitfahren dürfen.

Jetzt sind es nur noch wenige Meter bis zur Anlegestelle, das Anlegen selber erweist sich als beschwerlich, denn der Wind und die Strömung des Wassers ziehen uns immer wieder weg. Außerdem fehlt am Steg ein Haken und daher müssen wir quer anlegen. Na, ein Abenteuer treibt das andere, aber gibt es kein Entkommen mehr – alles gut! Das Boot ist gut angeleint, wir packen unsere Rucksäcke und dann melden wir uns an.

Die Capitainerie ist im Campingplatz integriert und hier fragen wir auch nach einem Restaurant, denn es ist schon nach 11:30 Uhr und wir haben Hunger. Gäste des Campingplatzes empfehlen uns das “Le Relais de Brienne“ an der Durchzugsstraße D975. Vom Campingplatz müssen wir über eine Brücke gehen und so schnell kann ich gar nicht reagieren, bläst mir der Wind meine Kappe vom Kopf, die in Nullkommanix dann in der Seille untergeht. Oje, oje, ich hoff, ich werde aus der Mannschaft nicht ausgeschlossen, wenn ich keine Kappe mehr hab. Das Trucker-Beisl finden wir sofort und dort gibt es täglich ein fixes Menü mit Entrée, Plat, Frommage et Dessert et ¼ de Vin Rouge für EUR 13,50. Heute gibt es Selchkarree mit Linsen, echte Hausmannskost und es schmeckt wirklich lecker. Als Nachtisch haben wir die Auswahl aus Eis oder Île Flottante oder Fromage blanc und fromage sec. Der Tipp vom angeduselten Camper ist wirklich genial gewesen. Nochmals vielen Dank dafür! Die Kellnerin oder Besitzerin verabschiedet sich von uns sehr herzlich, wünscht uns noch einen schönen Tag und dann verlassen wir pappsatt das Relais.

Als wir die Brücke erreichen, stürmt der Wind wie wild und wir kämpfen gegen den Staub an. Die Büsche schwanken hin und her und die Blätter wirbeln in der warmen Luft herum. Wolfgang bleibt beim Boot, weil das Reparatur-Service von „Le Boat“ kommt, um unseren defekten Kühlschrank zu checken – das sind eben die Aufgaben eines Kapitäns. Die Crew hat inzwischen Landurlaub und stapft die Rue du Pavé steil hinauf.

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Bald erreichen wir die ersten kleinen Geschäfte, die aber bis auf einen kleinen Buchladen alle geschlossen haben. Kein Wunder, es ist kurz nach 14:00 Uhr und da wird in Frankreich gerastet. Die gelbe Holzfront der Librairie Les Chats Noir leuchtet uns schon von weitem entgegen. Wir bleiben kurz stehen und betrachten die Bücher in der Auslage. Die pastellfärbige Häuserzeile vermittelt ein sehr harmonisches Straßenbild. Beinah jedes dritte Haus ist à louer, zu vermieten, tja, der Ort ist schön anzusehen, aber in einem kleinen Dorf leben will heutzutage fast keiner mehr.

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Am Ende der Straße kommen wir zur Église Notre Dame, die, dreimal dürft ihr raten, auch ihre Pforten geschlossen hat. Die Relieftafeln auf der Tür sind schon mal ganz schön und auch die hübschen Wasserspeier finden unseren Gefallen. Die Kirche wurde Anfang des 16. Jhdt. errichtet und nach und nach mit zwölf Kapellen erweitert. 1793 wurde die komplette Innenausstattung zerstört. Heute soll die Kirche eine der schönsten der Region sein, aber leider bleibt uns das heute verborgen.

Daher spazieren wir weiter und biegen in das ein oder andere Gässchen ein. Dabei entdecken wir ein entzückendes Haus, das aussieht wie ein kleines Schlösschen. Nicht weit daneben eine Hausfront, wo Tür und Fenster zugemauert wurden. In der Grand Rue werden wir wieder von einer Infotafel auf ein Haus aus dem 15. Jhdt. mit einer tollen Renaissance-Fassade und doppelflügeligen Fenstern aufmerksam gemacht. Schließlich gelangen wir an der Grand Rue Nr. 1 zum Hôtel-De-Ville. Auf dem Dach des hellblauen Rathauses befindet sich ein riesiges Nebelhorn, über dem Balkon wehen die Fahnen von Frankreich, Burgund und der EU. Auf dem Platz davor erinnert ein Monument an den Ersten Weltkrieg und rechterhand hängt quer über die Gasse ein Banner mit der Aufschrift „Village du Livre“. Projekte, die es seit 1999 gibt, sollen helfen, die Stadt wieder ein wenig aufzuwecken und zu beleben. Jeden ersten Sonntag im Monat gibt es daher einen Büchermarkt, der mittlerweile zu einem traditionellen Stelldichein für alle Bücherwürmer geworden ist. Heute ist Cuisery komplett ausgestorben, einzig die Müllabfuhr und seinen Mannen sind rege am Werkeln. Nein, die Apotheke hat auch geöffnet. Nicht mal die Tourist Info ist besetzt.

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Gemütlich schlendern wir durch die Gassen und betrachten die Häuser und Gärten. Hier dominieren die Ocker-, Creme- und Rosttöne, was die Hausfassaden betrifft. Bei einem Blick über einen Gartenzaun werden wir von der Besitzerin erwischt und als wir ihr sagen, dass ihr Jardin très jolie ist, bedankt sie sich sehr herzlich. Einige Häuser weiter vorne liegt die Hauskatze gemütlich in einer Hundehütte und nimmt uns kaum wahr. Gute Nacht, wir verlassen das verschlafene Dorf wieder und kehren zum Campingplatz zurück.

Hier wird überall gekehrt, Blumenkisten arrangiert und sich auf die Hauptsaison vorbereitet. Wolfgang berichtet uns, dass der Techniker von Le Boat da war, gemeint hat, dass die Batterie des Kühlschranks schon sehr schwach sei. Während der Fahrt wird sie geladen und wenn wir ankern nicht, wir sollen testen, ob der Kühlschrank wieder warm wird. Das defekte Fahrrad mit dem gerissenen Bremsseil hat er mitgenommen, somit sind die anderen drei wertlos, denn sollen wir bei jedem Ausflug einen von uns allein beim Boot zurücklassen?

Bevor wir wieder ablegen, marschieren wir zur Schleuße vor und machen dort ein Trockentraining. Kurbeln, Schleuße auf, kurbeln, Schleuße zu,… na das passt ja schon mal ganz gut. Dann kommt ein Boot mit zwölf Pensionisten und beginnen zu hantieren bei den Kurbeln. Unsere zwei Mannen betätigen sich gleich als Schleußen-Wärter der Herzen, so als hätten sie das immer schon gemacht.

Zurück am Steg legen wir gegen 15:30 Uhr ab und sind gespannt, ob wir es auch allein schaffen. Alles gut, wir haben wieder das Glück, dass wir Helferleins bekommen haben. Wolfgang äußert die Erkenntnis, dass er schön langsam ins Gspür kriegt, wann er was machen muss, damit das Boot so reagiert, wie er es will – beruhigend, nach fünf Tagen Schifferlfahren!

Gemütlich tuckern wir die Seille zurück, wir sind schon ein wenig geschafft, weil es auch sehr heiß ist. Libellen schwirren in den Lüften herum und aus den Büschen piept und zirpt es.

Gegen 17:30 Uhr landen wir wohlbehalten im kleinen Hafen von Truchère. Dort hat man einen Pavillon errichtet mit viel Infos über den Nationalpark der Vielle Seille. Die Alte Seille ist der letzte Rest einer gewaltigen Mäander, im Sommer fließt kaum mehr Wasser, aber es strotzt vor wildem Leben. Dünen und Torfmoore mit fleischfressenden Pflanzen können erwandert werden und eine Vogelbeobachtungsstelle lädt ein zu einer Rast. Im Pavillon erhält man mit Zeichnungen einen Überblick von hier lebenden Vögeln, drückt man den Knopf daneben, ertönt der Schrei von Schwan, Kuckuck, Wachtel, Reiher oder dem Frosch.

Vom Boot aus hab ich schon einige davon erblickt und so rücken Wolfgang und ich mit den Rädern kurz aus und erkunden die Gegend. Auf einer weiten Wiesenfläche stolzieren Störche, Reiher und Raben herum, so viele auf einmal haben wir nur zuhause im Burgenland am Neusiedlersee gesehen. Schnell ein paar Fotos gemacht, bevor sie abhaun. Im kleinen Wald daneben kreuzen dann noch ein Eichelhäher und ein Kuckuck unseren Weg. Wow, da hätten Ornithologen echt ihre Freude.

Zurück am Boot schmeißen wir uns noch unter die Dusche, damit wir die Panier wieder runterkriegen. Ach, ist das herrlich, jetzt sind wir bereit für ein lecker Essen. Für 20:00 Uhr haben wir im „Restaurant L’Embarcadère“ einen Tisch reserviert. Da es sich hier um ein Restaurant am Boot handelt, haben wir rechterhand einen schönen Blick auf den Kanal. Innerhalb einer Stunde sind alle Bewohner und Touristen zusammengelaufen, um hier zu essen. Als Aperitif gibt es Pastis, Porto, Crémont mit Pamplemousse, Suez und zu essen bestellen wir Escargots (Schnecken) und Gerichte mit Grenouilles (Froschschenkel), denn das sind hier Delikatessen. Wir kommen zur Überzeugung, dass das keine Fischer sind, die hier am Ufer oder im Wasser sitzen, sondern Fröscher, denn irgendwer muss ja diese Unmengen von Fröschen herausholen. Das Essen schmeckt uns gut, der Dijon-Senf ist auf jeden Fall so scharf, dass es uns aus der Nase raucht. Zufrieden spazieren wir zum Boot zurück und lassen den Tag zu Ende neigen.

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