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Oje, die Wolken hängen tief herunter und Dunst liegt über der Straße, sodass wir keine hundert Meter weit sehen können. Der Herbst lässt grüßen!

Eine halbe Stunde später stellen wir unser Auto in COLMAR am Parkplatz in der Rue d´Agen ab. Von dort erreichen wir in wenigen Minuten den Plâce d’Unterlinden, wo im ehemaligen Dominikanerinnenkloster heute ein Museum untergebracht ist. Das Innere des Museums schenken wir uns heute, wir statten lediglich dem steinernen Martin Schongauer einen Kurzbesuch ab, der hinter dem Museum steht. Er ist aber aufgrund der Sanierungsarbeiten etwas verstaubt, wir sagen ihm aber trotzdem „Hallo“. Der berühmte Maler und Kupferstecher, ein Kind von Colmar, schuf unter anderem die berühmte Madonna im Rosenhag, ein Altarbild, das sich in der Dominikanerkirche befindet.

Wir starten auf der anderen Straßenseite unseren Rundgang in der Rue des Têtes. Wolfgang bleibt gleich bei einer Auslage von einer Schokothek hängen, doch wir haben ein anderes Ziel. Die Hausnummer 19 ist ein ganz außergewöhnliches Haus, denn von der braunen Fassade starren, grinsen oder brüllen 106 witzigste Masken und Fratzen dem Betrachter entgegen.

Das Kopfhaus wurde 1906 im Renaissancestil erbaut, verfügt über einen tollen dreistöckigen Erker und einem Giebel mit Schneckenverzierungen. Auf der Spitze befindet sich die Statue von einem Fassbinder, erschaffen von Frédéric-Auguste Bartoldi, aus dessen Hand unter anderem auch die New Yorker Freiheitsstatue stammt. Ja, da gibt es viel zu fotografieren und ehe wir es uns versehen, stehen ganze Busladungen vor dem Maison des Têtes. Und weil die Damen und Herren auch nicht mehr die schnellsten sind, verziehen wir uns inzwischen in die nächstgelegene Boutique und gehen erfolgreich shoppen. Danach können wir in Ruhe das Haus betrachten und unsere Eindrücke einfangen.

Der kurze Abstecher in die Rue des Boulangers lohnt sich, denn eine nette Verkäuferin verteilt leckere Kokosbusserl zum Probieren vor ihrem Geschäft. Zwei Gassen weiter kommen wir zum kleinsten Haus Colmars. Wir müssen zweimal hinschaun, um es zu entdecken, denn was aussieht, wie ein Anhängsel auf einem großen Gebäude, ist ein eigenständiges Häuschen mit eigenem Zugang und eigener Hausnummer. Und man stelle sich mal vor, auf 25 m² gibt es ein Wohn- und Schlafzimmer, Bad und Küche. Wohin verzieht sich bloß die junge Dame, die das Fenster zum Lüften öffnet, wenn sie dauernd von schaulustigen Fotografen belagert wird. Aber vielleicht handelt es hier ja um Rapunzel, die nur auf den Prinzen wartet, der sie aus dem Turm, äh Haus befreit?

Ich marschiere mit meinem Prinzen weiter zur Église des Dominicains, einer Hallenkirche aus dem 13./14. Jhdt. Die farbenprächtigen Kirchenfenster stammen noch aus dieser Zeit – sie wurden für Ausbesserungsarbeiten einmal herausgenommen, aber danach wieder eingesetzt. Wie wir bereits wissen, ist die Kapelle wegen Renovierung geschlossen und daher ist der sich sonst dort befindende Isenheimer Altar hier ausgestellt. Sämtliche in Colmar aufbewahrte Werke des Meisters Martin Schongauer sind mit hierher gewandert und können per Audioguide besichtigt werden. Der Mann im Ohr erzählt uns viel Interessantes über die verschiedenen Altäre, erklärt die Darstellungen und ihre Geschichte dazu und sein Geplauder wird von Sakralmusik begleitet. Skulpturen aus dem späten Mittelalter vervollständigen die Präsentation. Auch einer Restauratorin können wir zusehen, wie sie mit Tinktur, Pinsel und Wattestäbchen vorsichtig die Farbflächen ergänzt bzw. auffrischt.

Und jetzt können wir uns auch den Altar von 1473 mit dem Gemälde Maria im Rosenhag in Natura ansehen. In einem wallenden, roten Kleid sitzt die traurig wirkende Gottesmutter im Rosengarten, hält ihren Kleinen im Arm und zwei Engel halten schwebend die Krone über ihr Haupt. Interessant ist auch die Dokumentation über den Diebstahl des Bildes 1972 und seinem Wiederauftauchen ein Jahr später. Wir würden einen ganzen Tag hier brauchen und selbst dann hätten wir noch lange nicht alles gesehen und gelesen. Die Kids der Schulklassen wirken nicht so begeistert von alldem hier und so manch einem lockt es nur eine Grimasse ins Gesicht und ein Fragezeichen auf die Stirn, wenn der Professor Feedback zur Ausstellung haben möchte. Tja mein Junge, interessant wird so eine Besichtigung erst dann, wenn man sie freiwillig macht!

Unsere Mittagspause verbringen wir gemütlich im Gastgarten des Restaurants Dussourd, das sich am Platz unmittelbar vor der Kirche befindet. Dort genießen wir die angenehme Sonne und natürlich das gute Essen. Während dem Espresso beobachten wir das Rundherum, die Touristen, Schüler und das arbeitende Volk. Gemütlich schlendern sie in alle Richtungen, keiner wirkt gestresst, ja es herrscht eine richtig friedliche und gemütliche Stimmung hier.

Gestärkt und ausgeruht setzen wir unseren Rundgang fort und kommen zum Plâce de la Cathédrale, wo sich die Kirche St-Martin befindet. Wie beim Münster in Straßburg wurde aus Geldmangel nur ein Turm vollendet und das Kuriose dabei ist, dass dessen Turm nach einem Brand ein Provisorium aufgesetzt wurde, das aber noch heute drauf sitzt. Die Einheimischen bezeichnen die komische Spitze als Chinesenhut und wenn man sich ihn genauer ansieht, schaut er wirklich fast so aus. Außerdem ist er einige Nummern zu klein für den wuchtigen Turm. Das Schmuckstück des Turms ist das Nikolausportal aus der Zeit um 1260. Beim Betrachten der Stützsäulen kommt uns aber das Schaudern, denn darauf sind Köpfe zu sehen, die von der Lepra entstellt sind. Und auch hier hat sich der Baumeister mitsamt seinem Werkzeug verewigt. Auf der Fassade sind viele biblische Szenen dargestellt, wie der Heilige Martin bei der Mantelspende.

Gegenüber der Kirche steht ein historisch wertvolles Haus Colmars, das Corps de la Garde. Wie der Name schon sagt, dienst es einst als Wachhaus, davor wurde es aber als Beinhaus des zur Martinskirche gehörenden Friedhofs genutzt. Über einem rundbogigen Eingangstor ziert ein schöner Renaissanceerker die Fassade, den Wappen, Masken und Ornamente schmücken.

Linkerhand befindet sich ein weiteres sehenswertes Gebäude, das Maison Adolphe mit tollen gotischen, bleiverglasten Spitzbogenfenstern, die den religiösen Einfluss sichtbar machen.

Wir gehen durch die Passage des Corps de la Garde in die Rue des Marchands, wo sich das Musée Bartholdi befindet. Das Geburtshaus des Bildhauer wurde in ein Museum umgewandelt und beherbergt unter anderem die Entwürfe und Studien der Freiheitsstatue, die wie bereits erwähnt aus seiner Feder stammt.

Wir biegen nun rechts in die nächste Straße ein und gelangen erst zum reich geschnitzten und bemalten Haus zum Kragen. Es wurde als Wohnsitz für einen steinreichen Tuchmacher erbaut. Auch das Haus daneben, das Maison Pfister, gehörte einem Wohlhabenden. Die Fassadenmalereien stellen deutsche Kaiser aus dem 16. Jhdt., biblische Szenen und Personen dar. So und nachdem unser Reiseführer sagt, dass es sich hier um das meistfotografierte Haus in Colmar handelt, machen natürlich auch wir unsere Bilder.

Einige Gassen weiter kommen wir zum Ancienne Douane, dem krummen, ausgesprochen pittoresken Zollhaus. Alle auf Durchreise befindlichen Waren wurden hier kontrolliert und besteuert. Das Koifhüs wurde zum wirtschaftlichen und politischen Zentrum der Stadt. Das altrosarote Gebäude ist mit einem bunten, kostbaren Schindeldach gedeckt. Das Ensemble mit dem Treppentürmchen und der blumengeschmückten Holzgalerie ist wirklich eine Augenweide.

Durch die Arkaden erreichen wir den gleichnamigen Platz, auf dessen Mitte sich der Schwendi-Brunnen befindet. Und wieder hat der Herr Bartholdi seine Finger im Spiel gehabt, denn der mit Patina überzogene, bärtige Schwendi auf einem Sockel inmitten des Beckens wurde auch von ihm geschaffen.

Wir schlendern weiter in die Petite Rue des Tanneurs ins Gerberviertel. Schlichte, hohe Fachwerkhäuser reihen sich aneinander, deren offene Dachgeschoße einst den Gerbern zum Trocknen der Tierhäute dienten. Der Geruch in diesem Viertel muss ja gegen den Himmel gestunken haben. Am Ende der Gasse überqueren wir den Gerberbach und gelangen zur aus Bruchsteinen und Ziegeln erbauten Markthalle mit den tiefroten Fensterläden.

Im Inneren vermischen sich die Düfte der Meeresfrüchte, Käse und Blumen. Das Obst und Gemüse ist eingehüllt von einer Nebelwolke, denn es wird mit einem Luftbefeuchter frisch gehalten. Wow, ist das eine Farbenpracht! Es gibt hier alles, was das Herz begehrt – ausgefallene Früchte, schwarze Tomaten, Gänseleber im Einmachglas, allerlei Käse, Pilze, Weine und und und, um nur einiges zu nennen. Wir könnten uns wochenlang hier durchkosten, aber der Rest der Stadt wartet noch auf uns.

Was das „kleine Frankreich“ für den Straßburger ist, ist für Colmar das „kleine Venedig“. Die hübsche Anordnung der alten Häuschen, die in Barken zu erreichen sind, rechtfertigt die Bezeichnung „Petite Venise“. Daher gehört eine Fahrt mit dem Boot auf dem Fluss Lauch ohne Zweifel zu den Attraktionen Colmars. Bei der Durchquerung der zahlreichen, kleinen Brückerl müssen die Insassen immer wieder ihre Köpfe in den Schoß legen, damit es zu keinen K.O.´s kommt. Der Charme dieses Bilderbuchviertels zieht viele Spaziergänger in ihren Bann. Gute Restaurants locken die Gäste auf die Holzterrassen, die direkt am Wasser liegen und tischen typische elsässische Gerichte und Weine auf. Wahrlich ein Ort für Romantiker, die bunten Holzhäuser gucken hinter riesigen Bäumen und Trauerweiden hervor, die angelehnten Fahrräder an den Brückengeländern verschwinden hinter dem üppigen Blumenschmuck. Obwohl viele Menschen durch die Gassen schlendern, herrscht kein hektisches Ambiente. Unvorstellbar, dass dieses Viertel ursprünglich abgerissen werden sollte.

Wir sind mittlerweile am Place des Six-Montagnes-Noires angelangt mit dem Fontaine Roesselmann in der Mitte. Der natürlich von Bartholdi geschaffene Springbrunnen erinnert an den Helden, der maßgeblich an der Unabhängigkeit der Stadt beteiligt war. Dabei bezahlt Roesselmann aber schlussendlich die Freiheit Colmars mit seinem Leben.

Auf unserem Weg zurück Richtung Grand Rue kommen wir an der alten Johanniterkomturei und am Maison dite des Chevaliers de St-Jean (das Haus der Ritter) vorbei. Wir erhaschen einen kurzen Blick ins Innere der Eglise St. Matthieu mit der schönen, bemalten Holzdecke und natürlich der tollen Silbermann-Orgel. In unmittelbarer Nähe der Kirche befindet sich das Maison des Arcades mit den beeindruckenden Erkern an beiden Seiten. Das Bauwerk wurde 1606 für die protestantischen Pfarrer errichtet, heute befinden sich unter den namensgebenden Arkaden Geschäfte und Wohnungen.

Wir schlendern weiter und plötzlich sind wir umzingelt von einer Demonstration. Es geht um Einsparungen von Arbeitsplätzen aufgrund einer Reform bei den Notaren. Es werden unter Aufsicht der Polizei lauthals Parolen im Chor gerufen, aber es kommt zu keinen Ausschreitungen. Ein kleines Stück ziehen wir gemeinsam des Weges, wir biegen aber dann in die Rue des Clefs ab. Die Haupteinkaufsstraße Colmars ist autofrei und hier reiht sich eine Boutique an die andere. Nahtlos in die Häuserzeile eingefügt, aber dennoch unübersehbar ist das Rathaus, auf dessen Balkon die Fahnen von Frankreich, der Stadt und die der EU im Wind flattern.

Der Tag neigt sich langsam dem Ende, wir sind wieder am Ausgangspunkt angelangt, unsere Füße kochen und wir haben Verlangen nach einem Kaffee. Den genehmigen wir uns noch und dann stapfen wir zum Parkplatz zurück.

Unser letztes Ziel für heute ist das kleine Dörfchen HUNAWIHR, das am Fuße der mittelalterlichen Wehrkirche liegt. Wir parken am Picknickplatz idyllisch inmitten der Weinberge mit Blick zur Kirche. Während Wolfgang für ein Viertelstündchen „nachdenkt“, erkunde ich die Umgebung und steig im wahrsten Sinn des Wortes zwischen den Weinreben zur Kirche St. Jacques hoch. Sie ist umgeben von einer mächtigen Steinmauer und dahinter liegt auch der Friedhof. Die hübsche, aufgemalte Kirchturmuhr besitzt nur den Zeiger, an dessen Ende ein Bündel goldene Weintrauben die Stunde anzeigt. Das Gotteshaus aus dem 15. Jhdt. verbirgt im Inneren wahre Schätze, nämlich tolle Fresken, die Geschichten des Heiligen Nikolaus erzählen. Eine weitere Besonderheit der Kirche ist, dass hier sowohl katholische als auch evangelische Gottesdienste abgehalten werden.

Zahlreiche Weinbauern sowie die Kellereigenossenschaft bieten den Gästen eine Besichtigung von Weinkellern mit Weinprobe an.“ Genauso heißt es im Reiseführer und wir haben vor, dieses reizvolle Angebot anzunehmen. Also begeben wir uns auf Entdeckungsreise durch das reizvolle Dorf mit den schönen, alten Brunnen. Die Luft ist geschwängert vom Duft gemaischter Weintrauben und verspricht ein leckeres Tropferl, auf das wir uns jetzt schon freuen. Hin und wieder tuckert ein Traktor an uns vorbei, beladen mit vollen Kisten geernteter Trauben. Schmale Gassen schlängeln sich zwischen den Häuserzeilen und wir durchwandern mehrmals vergeblich den Ort ohne einen Weinkeller zu finden, der uns haben will. Überall verschlossene Tore und die dazu passenden Fermé-Schilder. Außer den Winzern ist niemand unterwegs und langsam wird es auch dunkel. Unverrichteter Dinge schlendern wir zum Auto zurück und stellen fest, dass wir mittlerweile Nachbarn bekommen haben. Und wie es scheint kommen auch sie von der erfolglosen Suche nach Kulinarischem zurück. Die Enttäuschung hält aber nicht lange, denn das atemberaubende Bild, das die beleuchtete Kirche am Hügel jetzt bietet, entschädigt für alles.

Bevor wir uns zur Ruhe begeben, plündern wir noch unseren Kühlschrank und köpfen eine mitgebrachte Flasche.



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