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Wir satteln die Drahtesel und strampeln auf dem Radweg Richtung Kaysersberg, das eingebettet inmitten von Weinfeldern liegt. Romantisch radeln wir durch die Weinberge, die jetzt immer näher rücken und wir haben den Eindruck, als hätte jedes Haus seinen eigenen Weingarten. Auf den Anhöhen können wir sehen, wie die fleißigen Winzer zwischen den Reben arbeiten. Mehrmals müssen wir anhalten, nicht, weil uns die Puste ausgeht, nein, die Postkartenmotive müssen eingefangen werden. Inmitten der Weingärten liegt linkerhand das Örtchen und rechts thronen am Hügel die Ruinen der im Mittelalter entstandenen Stauferburg. Das Licht der Morgensonne lässt das Gestein golden leuchten und verleiht ihr etwas Geheimnisvolles.

KAYSERSBERG begrüßt uns mit Sonnenschein und einem beschaulichen Alltag. Der Postler gleitet mit seinem kleinen Elektrofahrzeug durch die Gassen und man muss nur die Hand hinhalten und er übergibt die Briefe und Zeitungen durchs offene Fenster. Ladenbesitzer quatschen gemütlich miteinander, während sie mit dem Besen die Straße vor ihrer Türe vom Schmutz befreien. Daneben rücken die Kellner Tische und Stühle zurecht und decken fürs Mittagessen.

Wir parken unsere Fahrräder am Plâce de la Mairie neben dem Hôtel de Ville. Das Rathaus ist ein prächtiger Renaissancebau von 1604 mit einem Treppenturm. Der zweistöckige Erker ist reich verziert mit Blütenornamenten, Wappen und Fratzengesichtern. Wir schreiten durch das Tor und kommen zu einem wunderschönen Innenhof, auf dessen Wände sich tolle Malereien befinden. Von der geschnitzten Galerie hängt der Blumenschmuck tief herunter. Einfach ein Traum!

Nur wenige Schritte daneben kommen wir zur Eglise Sainte-Croix aus dem 13. Jhdt. Auffällig ist das Eingangsportal der Kirche mit den vielschichtigen Säulen und deren Kapitellen, die mit Köpfen und Ornamenten verziert sind. Im Bogenfeld des Portals hat sich der Künstler Conradus verewigt, er hält ein Buch in seiner Hand, das seinen Namen trägt. Im Inneren dominiert ein übergroßes Christuskreuz, aber der Wahnsinn ist der bemalte Schnitzaltar.

Auf dem Platz vor der Kirche plätschert der Konstantinbrunnen mit dem römischen Kaiser auf einer Säule inmitten des Beckens. Tauben erledigen genüsslich ihre Morgentoilette im kühlen Nass zur Belustigung der Touristen. Fragt sich nur, wo das Körbchen steht, wo wir die Münzen reinwerfen können? Hier befindet sich auch eines der schönsten Fachwerkhäuser der Stadt, das Maison Loewert. Gelb getüncht, grüne Fensterläden, ein hübscher Erker mit Türmchen, alte Fensterscheiben, Blumen über Blumen, kann man sich schöneres vorstellen? Ja, die Kuchenvitrine im Inneren, denn da befindet sich eine Bäckerei und die plündern wir natürlich wieder.

Wir schlendern die Rue du Géneral de Gaulle quer durch die historische Altstadt und entdecken viele lauschige Winkel und Brückerl. Im Innenhof des Maison Voltz ist an der Hausmauer ein Brunnen eingelassen mit der Inschrift darüber „Wenn du zu Tisch Wasser trinkst, wird dein Magen gefrieren; ich rate dir, guten alten Wein zu trinken und mir mein Wasser zu lassen!” Na gut, das werden wir uns merken und uns natürlich daran halten!

Dann biegt die Hauptstraße links ab zur einzigen mit Schießscharten befestigten Brücke, der Pont fortifié. Hier befinden wir uns einem der malerischsten Ecke mit reich verzierten und alten Häusern. Darunter auch das Geburtshaus des Friedensnobelpreisträgers Albert Schweitzer. Wir zweigen hinter der Brücke ab und kommen zum Fußweg, der zur Burgruine hinauf geht. Viele Stufen treppauf erreichen wir in wenigen Minuten die Ruinen, die umgeben sind von Weinfeldern, Kastanienbäumen und wild wachsenden Brombeerstauden. Blüten der gelben Nachtkerze bringen Farbe in das satte Grün und leider wurden von Schmutzfinken auch McDonalds-Becher und Milka-Tender-Folie angepflanzt.

Zum Mittagsgeläut betreten wir den Burghof, wo der Bergfried unversehrt hoch hinauf ragt. Von hier oben haben wir einen weitreichenden Blick über das rote Dächermeer von Kaysersberg und die unendlich scheinenden Weinberge.

Über einen Fußpfad stapfen wir wieder in die Stadt hinunter und halten Ausschau nach einem Restaurant. Das finden wir im Innenhof des historischen Museums, einem 1521 entstandenen mächtigen Patrizierhaus mit Treppengiebel. Mei, tut das Sitzen gut. Während wir unseren Beinen Entspannung gönnen, wir auf unsere Zwiebel-Quiche warten, betrachten wir den bis ins kleinste Detail dekorierte Hof. Allerlei Klim-Bim und Blumen vermitteln eine Gemütlichkeit, die auch von vielen anderen Touristen erkannt wird, denn im Nu sind die Sessel alle besetzt. Freche Spatzen lauern rund um uns und entdecken sie auch nur das kleinste Bröserl, wuseln sie zwischen den Füssen herum.

Gestärkt schwingen wir uns auf den Rädern und machen uns auf den Rückweg. Wir verstauen die Radln wieder im Campervan und drehen noch eine Runde zu Fuß durch KIENTZHEIM. Auch wenn dieses kleine elsässische Dorf mit seinen knapp 800 Einwohnern nicht so touristisch ist, einen Besuch ist es aber allemal wert. Unser Spaziergang führt uns durch das Obertor, vorbei an der Burg Reichenstein die Stròssgàss oder eleganter auf Französisch die Grand Rue entlang. Kleine, lauschige Platzerl mit Brunnen prägen das Ortsbild. Einer davon ist am Mairieplàtz der hübsche Winzerbrunnen mit dem tanzenden „Almdudler-Pärchen“ im Weintraubenbett. Vorbei an alten Fachwerkhäusern kommen wir zur lachsfarbigen Kirche mit ihrer schönen Sonnenuhr an der Fassade. Die lassen wir aber links liegen, weil sie ihre Tore verschlossen hat. Dafür statten wir der Kapelle St. Felix und Regula einen kurzen Besuch ab. Während wir dem Panis Angelicus lauschen, betrachten wir die naiven Votivbilder und alte Abschriften hinter Glas in einer witzigen Sprache. „Glaubwürdige Abschrifft des herrlichen bewerthen Miraculs undt Wunderzeichen, welches sich mit der Muetter Gottes und St. Johann des Evangelisten Bildtnus zuegetragen, als dieselbe Anno 1466“. Kann mir jemand sagen, was das heißen soll?

Am Plâce Schwendi treffen wir zum ersten Mal, seit wir in Kientzheim sind, auf Menschen. Ruhig und friedlich sitzen sie im Gastgarten des gleichnamigen Restaurants und genießen ihr Essen oder ihre Kaffeejause. Hier befindet sich auch der hübsche Zipfelmützen-Brunnen. Da es für Kaffee und Kuchen noch zu früh ist, schlendern wir innerhalb der mittelalterlichen bezinnten Mauer weiter entlang und kommen zum Schloss Schwendi. Die Familie Schwendi, ein niederadliges Geschlecht hat hier ihre Spuren hinterlassen. Lazarus von Schwendi war berühmt als Kriegsherr und Held und brachte Wohlstand in das Städtchen.

Wir haben das andere Ende von Kientzheim erreicht und schreiten durch das Untertor hinaus. Dort drehen wir aber wieder um, um uns den „Lalli“ anzusehen. Ein steinernes Fratzengesicht streckte Angreifern spöttisch die bewegliche Metallzunge heraus, um sie zu verhöhnen.

Auf dem Rückweg machen wir im Innenhof des spätbarocken Rathauses aus dem Jahre 1775 einen kurzen Abstecher. Im Innenhof gibt es eine kleine Ausstellung von alten Löschfahrzeugen vor 1900 und Holzwasserleitungen.

Überall auf den Gassen oder an den Brücken zieren Blumentöpfe und -tröge das Ortsbild und wir haben uns schon mehrmals gefragt, wer das alles hegt und pflegt. Jetzt wissen wir es, denn wir treffen auf einen Gemeindebediensteten, der mit seinem kleinen Tankwagen durchfährt und ordentliche Wasserladungen zu den Blumen kippt.

Wieder am Parkplatz angekommen, besichtigen wir noch den Sherman Panzer, der an die Befreiung Kientzheims am Ende des Zweiten Weltkrieges erinnert.

Die Stadtmauer mit ihren Türmen aus dem 14. Jhdt. ist noch sehr gut erhalten und ist gesäumt von Kirschbäumen. Sie ist von der Straße aus schön zu sehen und lässt das Mittelalter wieder sichtbar werden.

Unser letztes Ziel für heute ist der Campingplatz Les Trois Château in Eguisheim, wo wir gemütlich den Tag ausklingen lassen. Wir sitzen vor dem Auto in der Abendsonne und genießen die angenehme Wärme. Zwei Heißluftballons schweben am Himmel, einer davon zum Greifen nahe. Ach, ist das schön hier!



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