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Die ganze Nacht hat es durchgetröpfelt und kühle, feuchte 16 Grad erwarten und heute früh. Die Wolken hängen tief herab, doch laut Wettervorhersage soll es von Tag zu Tag trockener werden. Schnell ist mittlerweile schon routinemäßig alles zusammengepackt und verstaut und dann machen wir uns auf den Weg. Schnell erreichen wir die Autobahn Richtung Straßburg und während der Fahrt machen uns immer wieder Schilder darauf aufmerksam, dass wir uns auf der Route de la Choucroute befinden. Die Sauerkrautstraße wurde auf Anregung der Erzeuger ins Leben gerufen und verbindet mehrere Dörfer entlang des Niederrheins. Dort werden 75% des Sauerkrautbedarfs von ganz Frankreich produziert und es stellt natürlich auch einen wesentlichen Bestandteil der elsässischen Küche das. Jetzt im September wird mit der Ernte begonnen, die noch bis November andauert. Wir fahren entlang weiter Felder, wo ein Krautkopf neben dem anderen wächst. Auf den abgeernteten Feldern laben sich die Raben zu Massen an den liegen gelassenen äußeren Blättern.

Wir nähern uns Straßburg und haben das Gefühl, als wollen uns die zum Landeanflug auf Entzheim fliegenden Boings zum Wettrennen auffordern. Dann erblicken wir schon die ersten Park&Ride – Schilder Elsau und denen folgen wir. In den Außenbezirken hat die Stadt Parkplätze eingerichtet, wo man sein Auto kostengünstig auf einer bewachten Fläche abstellt und dann ein Gratis – Tagesticket für alle Autoinsassen erhält. Wir freuen uns schon auf Straßburg, denn die Altstadt ist UNESCO-Weltkulturerbe und die Metropole des Elsass.

Problemlos landen wir mitten in STRAßBURG und unser erster Weg führt uns zur Grand´Rue (Langstross auf elsässisch), eine der ältesten Straßen der Stadt. Wir bummeln auf die kopfsteingepflasterte Straße entlang und bestaunen die Mischung der Hausfronten. Hier haben viele Architekturepochen ihre Spuren hinterlassen, denn da reihen sich Fachwerkhäuser aus dem 16. und 17. Jhdt an Bauten im Renaissance- und Rokoko-Stil. Dass es sich hier um die Einkaufsmeile der Stadt handelt, ist auch auf den ersten Blick sofort sichtbar. Boutiquen, Delikatessenläden und feine Restaurants laden ein zum Schmökern und Kaufen. Die Fußgängerstraße wird immer wieder von kleinen Gassen gekreuzt und an den Hausmauern hängen auf blauen Schildern die Namen in beiden Sprachen. Die elsässischen Bezeichnungen, wie das Blinde Gässel, Müllergässel oder das Zixplätzel hören sich doch viel hübscher an.

Am Zixplätzel kommen wir zum Herzen Straßburgs, dem Viertel La Petite France, auch Gerberviertel genannt. Müller, Fischer, Färber und Gerber lebten und arbeiteten hier direkt am Wasser. Sie hängten ihre Tierhäute zum Trocknen auf die großen Galerien im Dachgeschoss, sodass ständig übler Geruch durch die Gassen wehte. Früher wurde dieses Viertel deswegen gemieden, heute schaut das ganz anders aus. Em kleine Frankrich hat seinen historischen Charme bewahrt und die vielen urigen Kneipen und kleinen Geschäfterl ziehen auch viele Touristen an. Die Bateaux Mouches auf der Ill sind bis auf den letzten Platz gefüllt und wir können zusehen, wie eines durch die Schleuse geschoben wird. Nachdem das Boot außer Sichtweite ist, widmen wir unser wieder den prächtigen Fachwerkhäusern mit den weit herabhängenden roten Geranien. Schade nur, dass das Wetter nicht so mitspielt und das Licht schlecht ist. Trotzdem sind wir fasziniert von den hübschen Plätzen und romantischen Gassen hier und schlendern eine Weile umher.

Wieder am Plâce Benjamin Zix angekommen, machen wir es uns unter den riesigen Ahornbäumen des Restaurants La corde à linge bequem und bestellen und Mittagessen. Diesmal gönnen wir uns Spätzle mit Münsterkäse für Wolfgang und für mich mit Steinpilzen. Während wir unser Essen genießen und die herumflanierenden Menschenmassen beobachten, werden wir von einem Saxophonspieler berieselt. Elle est pas belle la vie …?

Am frühen Nachmittag reißt die Wolkendecke auf und die Sonne kommt heraus, sodass sich die Fachwerkhäuser richtig kitschig im Wasser der Ill spiegeln. Daher wird die gesamte Fotoserie, die schon im Kasten ist, verworfen und alle neu gemacht und diesmal mit blauem Himmel.

Das bekannteste Gerberhaus, das Maison des Tanneurs, liegt am Beginn der belebten Fußgängerzone der Rue du Bain-aux-Plantes. Hier stöbern wir ein wenig in den kleinen Läden, um als Souvenir ein hübsches Fachwerkhäuschen zu finden.

Die Zeit schreitet voran und wir haben noch viel vor heute, daher geht´s weiter des Weges. Wir verweilen eine Zeitlang am Plâce Gutenberg, denn hier steht neben einem kleinen Blumenmarkt ein altes, wunderschönes Karussell von 1900. In den strahlenden Kindergesichtern ist deutlich die Freude und Begeisterung abzulesen und die stolzen Eltern winken jedes Mal, wenn ihre Kleinen vorbeikommen.

Schon von weitem ist der Turm des Münsters zwischen den hohen Häuserreihen sichtbar. Seitlich der Kathedrale steht das bekannte Maison Kammerzell, ein 1427 errichtetes Fachwerkhaus, das 1589 noch eine tolle Schnitzfassade erhielt. Es beherbergt ein kleines Hotel mit neun Zimmern und ein Restaurant mit prächtigen Wandmalereien.

Wir biegen um die Ecke und da steht majestätisch das Liebfrauenmünster, die Kathedrale Notre Dame, erbaut zwischen 1176 bis 1439. Jetzt wissen wir, wie sich die kleinen Ameisen beim Anblick eines riesigen Menschen fühlen. Staunend und mit offenem Mund nähern wir uns langsam dem Bauwerk. Der rosa Sandstein leuchtet im Sonnenlicht in allen Schattierungen. Die Fassade ist mit den vielen Türmchen und Skulpturen das größte Bilderbuch des Mittelalters. Die Figuren, die die Fronten der fünf Portale zieren, stellen verschiedene religiöse Themen dar.

Das Münster war bis 1874 mit seinem 142 m hohen Nordturm das höchste Bauwerk der Menschheit. Es ist aber immerhin noch das höchste Gebäude, das im Mittelalter vollendet wurde. Der Südturm wurde nie vollendet und den kann man bis zu einer Plattform, im wahrsten Sinn des Wortes, erklimmen. Die 330 ausgetretenen, teils sehr schmalen Stufen kosten uns viel Puste und zwingen uns zu mehreren Pausen. Doch wir werden mit einem phantastischen Blick auf das Dächermeer der Stadt mit ihren vielen schmalen Gassen und das Europa-Parlament belohnt. Je höher wir den Turm besteigen, umso weiter sieht man bis in die Vogesen und den Schwarzwald hinein. Wir hätten es nicht besser timen können, denn um Punkt 15:00 Uhr erreichen wir die Plattform und werden mit Glockenklang empfangen. Ist gar nicht so laut, als wir vermutet haben. Wir genießen das Gefühl der Erhabenheit, frei wie ein Vogel, von oben auf alles hinab zu sehen. Da sind Gruppen von Mädels und auch Jungs unterwegs, um zu poltern, aber auch ein Brautpärchen zieht durch die Gassen. Ein Stück weiter tauchen plötzlich Zorro und seine Muse auf ihren Pferden auf.

Wieder festen Boden unter den Füssen kommen wir zu den nächsten Höhepunkten. Ehrfürchtig betreten wir das Kircheninnere durch das hohe, rote Portal an der Westfassade, flankiert von den törichten Jungfern und dem Verführer. Das steil emporragende Kirchenschiff mit dem schönen Kreuzrippengewölbe wirkt schlank und elegant. Durch die seitlichen Fenster leuchtet das Sonnenlicht durch die bunten Glassteine und wie eine riesige Blume strahlt die schöne Rosette über dem Tor. Die hereinströmenden Menschenmassen schieben uns unaufhaltsam vorwärts, sodass wir kaum Zeit finden, in Ruhe die Details zu betrachten. Auch ein Kirchendiener mahnt schon zur Ruhe, denn wir befinden uns hier in einem Gotteshaus.

Wir können uns aus dem Besucherstrom lösen und betrachten nun ein Meisterwerk der Steinmetzkunst, nämlich die gotische Kanzel mit ihren fünfzig kleinen Figuren. Am Aufgang zur Kanzel wurde der kleine Hund des Predigers Johann Geiler verewigt. Mei – is’ der putzig und schon total glatt gerieben, weil er wahrscheinlich von jedem Besucher gestreichelt wird.

Einen schöner Anblick bietet auch die bunte Schwalbenschwanzorgel und man hat den Eindruck, als würde sie an der Wand kleben und am untersten Ende schwebt Samson mit seinem Löwen.

Vorne im Querschiff verliert das Innere an Leichtigkeit, denn hier dominiert der romanische Baustil und aufgrund des geringeren Lichts ist es hier auch sehr düster. Doch es gibt hier eine weitere Attraktion des Münsters, die 18 Meter hohe astronomische Uhr mit ihren Figuren, die zur Freude der Zuseher vorbeiziehen. Wir haben gelesen, dass das Uhrwerk wöchentlich aufgezogen wird. Das erinnert mich an unsere Küchenuhr zuhause aus Kindertagen.

Unmittelbar neben der Uhr befindet sich der Engelspfeiler aus dem Jahr 1230, dessen Engelsfiguren das Jüngste Gericht darstellen.

So, wir haben uns wieder kulturell gebildet und uns jetzt eine Kaffeejause verdient. Wir finden in einem Kaffeehaus am Münsterplatz mit bestem Blick auf die Kathedrale einen freien Tisch. Während wir unsere Tarte au Citron und den Kaffee genießen, strömen ohne Unterbrechung die Menschen an uns vorbei. Wir staunen nicht schlecht, als auch ein Predator aus dem gleichnamigen Actionfilm höchstpersönlich an uns vorbei stapft. Erst viel später lesen wir auf einem Plakat, dass zurzeit das Festival Europeen du film fantastique de Strasbourg stattfindet und uns wird jetzt klar, warum wir ständig so komischen Gestalten begegnen.

Rudelweise streifen auch Erasmusstudenten durch die Gassen und als hätten sie Flashmobs veranstaltet, treffen sie mit lautem Gekreische aufeinander. Direkt neben uns hat sich ein Gitarrenspieler niedergelassen und gibt spanische Songs zum Besten. Er spielt ja nicht schlecht, aber sein Hund stiehlt ihm mit seinem treuen Blick doch ein wenig die Show.

Wir schlendern weiter über den Platz, vorbei an Karikaturisten und Zeichnern und den vielen Souvenirständen. Die Läden haben ihr gesamtes Sortiment auf den Platz gestellt, angefangen von Plüschtieren aller Art bis hin zu den Topflappen, Karten und T-Shirts.

Von einer der Seitengassen rund ums Münster kommen wir zum Plâce du Marché aux cochons-de-lait, dem Ferkelmarkt. Auch hier stoßen wir auf prächtige Fachwerkhäuser und was früher das Zollhaus war, ist heute ein Restaurant mit Terrasse. Kleine Lädchen und Cafés reihen sich aneinander und laden zum Stöbern und genießen ein.

Unser Rundgang führt vorbei am ehemaligen Schlachthaus der Stadt vorbei, das heute das Historische Museum beherbergt. An der nächsten Straßenecke überqueren wir den Pont du Corbeau (Rabenbrücke). Oh wie grauslich – wurden hier doch im Mittelalter die zum Tode Verurteilten in Säcke eingenäht und in die Ill geworfen. Bei leichteren Straftaten wurden die Verbrecher in Käfige gesperrt und einige Zeit unter Wasser gehalten.

Es ist spät geworden und wir sind geschafft, also beschließen wir zur nächsten Straßenbahnstation zu gehen, um zurück zum Auto zu fahren. Dabei queren wir noch den Plâce Kléber, einen großen rechteckigen Platz, benannt nach dem Oberbefehlshaber Napoleons Truppen im Ägyptenfeldzug. Eine Bronzestatue, unter der seine Gebeine ruhen, erinnert an seinen Tod in Kairo im Jahre 1800. Heute tummeln sich Jugendliche mit ihren Boards und die Kleinen mit den Rollern herum. Andere genießen ihren Feierabend auf den Bänken vor dem Springbrunnen. Auch große und kleine Zombies hängen hier herum.

Von dort schlendern wir noch die Rue des Grandes Arcades, eine der Haupteinkaufsstraßen, entlang und lassen den Blick in die Auslagen der Nobelgeschäfte und Boutiquen an uns vorbei gleiten. Während wir auf die Tram warten, können wir zusehen, wie sich der Abendverkehr durch die Stadt windet. Wir sind im Nachhinein noch froh, dass wir die Variante des Park&Ride gewählt haben, denn im Nu sind wir wieder am Parkplatz und schnurstracks geht es wieder auf die Autobahn.

Die wenigen Kilometer bis nach Blaesheim sind schnell geschafft und hier parken wir auf dem Stellplatz am Hügel neben dem Friedhof. Es ist bis auf das Vogelgezwitscher mucksmäuschenstill. Oh, mon dieu, lass hier bloß niemanden auferstehen!



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