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Saumüde, aber mit Vorfreude lassen wir uns vom Shuttledienst zum Flughafen chauffieren. Wie bei so vielen unserer Flüge sitzen wir wieder mal über dem Flügel (und das mag ich ja überhaupt nicht, denn das Flattern beunruhigt mich immer). Aber Jens, unser Pilot der airberlin legt einen ruhigen Start auf die Rollbahn und bietet uns dann einen traumhaften Blick über Wien. Die 786 Flug-Kilometer haben wir in knapp eineinhalb Stunden hinter uns und Hamburg begrüßt uns mit 15° und starker Bewölkung. Es könnte schlimmer sein, Hauptsache trocken!

Direkt vor dem Flughafengebäude besteigen wir den Bus, der uns unmittelbar vor der Haustüre des Best Western Alsterkrug Hotel absetzt. Dort werden wir sehr herzlich empfangen. Wir beziehen ein schönes Zimmer und freuen uns schon auf die Nacht, denn auf dem Kopfkissen liegen Fruchtgummi-Schlafschäfchen – da kann ja gar nix mehr schief gehen.

Aber zuvor fahren wir wieder mit dem Bus, diesmal Richtung Stadt. Wir erstehen ein Gruppen-Tagesticket für alle Öffis um 11,20 Euro. Wolfgang und ich spielen Gruppe, denn das ist billiger, als wenn wir zwei Einzeltickets gekauft hätten.

Wir müssen noch zweimal in die U-Bahn umsteigen, bis wir den berühmten, über 800 Jahre alten Hafen erreichen. Hamburg besitzt den größten Seehafen Deutschlands mit sechzig Hafenbecken und mehr als 300 Schiffsliegeplätze. An der Haltestelle „Landungsbrücken“ wird uns heute von einem Ziehharmonikaspieler typisches Hamburger Flair vermittelt. Die Möwen fliegen kreischend über unsere Köpfe hinweg und leider tröpfelt schon leichter Nieselregen herab. Also zippen wir unsere Jacken bis zum Hals zu, stülpen die Kapuzen über den Kopf und los geht´s. Wir schlendern an der Promenade entlang und schmökern ein wenig in den kleinen Lädchen. Im Hafenbecken schippern Rundfahrtsboote und die Louisiana Star, ein altes Schaufelradschiff dampft an uns vorbei.

Etwas weiter ankert die Rickmer Rickmers, benannt nach dem Enkel des Reeders. 1896 lief sie zum ersten Mal vom Stapel und wurde als Handelsschiff zwischen Europa und Asien eingesetzt. Nach einer turbulenten Zeit, Verkauf und Kapern im 1. Weltkrieg wurde das Schiff 1962 ausgemustert. Zwanzig Jahre später wurde es von einem Hamburger Verein erworben und restauriert. Heute dient die Rickmer Rickmers als Schulungs- und Museumsschiff an den Landungsbrücken. Wir verbringen viel Zeit an Deck und in den Kabinen, um die vielen Infotafeln und Ausstellungsstücke zu studieren. Der Dreimaster ist weltweit einer der letzten, intakten Großsegler und einer von 58, die auf der Rickmers-Werft gebaut wurde. Jedes dritte Schiff ging aber verloren, muss schon frustrierend gewesen sein. Wir lernen auch, dass der Zimmermann an Bord  ein angesehener Mann war, da er zwei Berufe (Seemann und Zimmermann) erlernen musste. Natürlich gehörten auch der Kapitän und seine Offizieren zu den Ranghöchsten, das wird einem  bei der Besichtigung der Kajüten schon bewusst. Große, elegante Schlaf- und Wohnräume getrennt von den Matrosen zeugen von Prestige. Als letztes klettern wir noch die schmalen Treppen bis in den Maschinenraum hinunter, wo noch Schiffsmodelle und Unmengen von Reportagen und Fotos ausgestellt sind.

Hungergefühl macht sich breit und das bekämpfen wir mit Fisch und Kartoffeln, wie es sich hier gehört. Lecker, aber einen Schnaps hätten wir danach doch benötigt.

Eingepackt wie Eskimos schlendern wir im Hafen auf und ab und genießen die Atmosphäre und die Stimmung. Trotz des heftigen Windes strömen Massen von Touristen den Steg entlang, genießen Kulinarisches in den Beisln oder erliegen den Souvenirs. Von Leuchttürmen, Muscheln, Karten, T-Shirts, Kaffeetassen bis zum heftigsten Krempel gibt es hier alles zu kaufen.

Wir verlassen den Kai und suchen die Tourist Info auf, um uns dort Tickets für die Tour mit dem Nachtwächter zu kaufen. Aber dazu später.

Nicht weit davon betreten wir eines der wichtigsten Baudenkmäler Hamburgs, nämlich den alten Elbtunnel. Alt deshalb, weil ein neuer Elbtunnel gebaut und in die Autobahn integriert wurde. Der alte Elbtunnel wird aber nach wie vor rege genutzt und erfreut sich auch bei Touristen starker Beliebtheit. Er wurde 1907 – 1911 erbaut, um den Fährbetrieb zu entlasten und die Elbe auch im Winter passieren zu können. Zwanzig Millionen Personen nutzten im Jahr den Tunnel zur Unterquerung der Elbe und noch heute werden über 700.000 Fußgänger pro Jahr gezählt. Wir erreichen den Tunnel über ein historisches Gebäude mit grünspanüberzogener Kuppel. Das Bauwerk ist zwar aufgrund von Renovierungsarbeiten Großteils eingepackt, aber die tollen Kacheln im Inneren sind schon ein Wahnsinn. In Aufzugkörben werden die Autos, Moped- und Radfahrer in die beiden 23 Meter unter der Elbe liegenden Tunnelröhren gebracht. Den Fußgängern stehen ein Treppenhaus und ein kleinerer Lift zur Verfügung.

Die beiden Tunnelröhren sind 426,5 Meter lang, haben einen Durchmesser von sechs Metern und sind mit einer Fahrbahn und beidseitigen Fußgängerwegen ausgestattet. Die Wände sind gefliest mit sogenannten Majolikareliefs, eine Art 3-D-Fliese, mit Wassermotiven. Den tollsten Arbeitsplatz haben die Herren, die vor den Aufzügen stehen und den Autofahrern die Körbe zuweisen. Den ganzen Tag kein Tageslicht und ständige Abgase und nur eine Handbewegung. Das wäre was für die Sendung „Was bin ich“!

Der Tunnel verbindet St. Pauli und die Werftinsel Steinwerder. Von dort haben wir eine tolle Aussicht auf die Landungsbrücken, den Michel und das Häusermeer. Leider wird der Regen immer heftiger, daher genießen wir den Blick auf die andere Seite nur kurz und bringen uns wieder ins Trockene. Wir „unterqueren“ die Elbe noch einmal, lesen die Gedenktafeln vor dem Eingang und machen uns auf den Weg Richtung St. Pauli. Übrigens, 2003 wurde der alte Elbtunnel unter Denkmalschutz gestellt und das ist auch gut so, denn er ist echt eine Attraktion, die man sich nicht entgehen lassen soll.

Wir schnaufen erst die vielen Stufen, dann das steile Kopfsteinpflaster hoch in den Bezirk Hamburg-Mitte, besser bekannt als St. Pauli. Dieses Viertel ist berüchtigt aufgrund seines Vergnügungs- und Rotlichtmilieus und wird auch als Kiez bezeichnet. Es umfasst ein behördlich festgelegtes Teilgebiet, die Reeperbahn, die Herbertstraße und die Große Freiheit, wo es für die Gastronomie keine Sperrstunde gilt. Der Spaziergang durch die kleinbürgerlichen Wohnstraßen erweist sich als Hürdenlauf, denn wenn wir nicht Hundekot ausweichen müssen, dann sind es die eingerauchten, zugedröhnten Gestalten, die auf den Gehsteigen herumhängen. Ist schon eine komische Gegend hier, denn die Mischung von Wohnhäusern inmitten der vielen Night Clubs, Eros Centers und Tattoo-Studios ist schon ein Unikat. Oft ist es für uns schwer zu erkennen, was davon seriös ist und was nicht. Dazwischen finden wir auch die renommierten Theater von Hamburg, die tolle Inszenierungen, wie z. B. Sister Act auf ihrem Programm haben. Um dieser Stimmung ein wenig teilhaben zu können, setzen wir uns in einen Gastgarten mitten im Getümmel. Der Apfelstrudel mit Eis und Vanillesauce schmeckt ganz gut, aber besser ist das „Programm“ ringsum, das wir hier geboten bekommen. Das muss man einfach gesehen und erlebt haben.

Es hat zu regnen aufgehört, die Sonne geht langsam unter und es ist schweinekalt – zumindest beim Sitzen im Freien. Außerdem wird es Zeit zu den Landungsbrücken zurück zu kehren, denn dort treffen wir uns mit einem Unikat Hamburgs, dem Nachtwächter Erwin. Enzo Maniscalco, wie er mit bürgerlichem Namen heißt, zeigt uns mit viel Witz und Seemannscharme alle Ecken und Beisln von St. Pauli, ausgeschmückt mit anekdotenreichen Geschichten über das größte Amüsier- und Rotlichtviertel Europas. Durch das Viertel läuft die 1 km lange Reeperbahn, die ein Muss für jeden Hamburg-Besuch ist. Der Name „Reep“ kommt aus dem Dänischen und bedeutet Seil, denn hier wurden früher Schiffstaue produziert und dazu brauchte man eine lange, gerade Bahn. Entlang der Reeperbahn haben sich diverse Shops, viele urige Kneipen, Bars und Clubs angesiedelt. Der Song von Hans Albers „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins, ob du’n Mädel hast oder hast kein’s, amüsierst du dich, denn das findet sich, auf der Reeperbahn nachts um halb eins …“ ließ schon damals die Vielzahl der Vergnügungen erahnen.

In der Nähe der Reeperbahn bringt uns Erwin zur Herbertstraße, die mit einem Brettverschlag versperrt ist. Außerdem weist ein rotes Schild darauf hin, dass der Zutritt für Jugendliche unter 18 Jahren und Frauen verboten ist. Der Grund dafür ist, dass sich hier Prostituierte in je 40 Schaufenstern pro Straßenseite präsentieren und auf Freier warten. Hier hat auch Domenica gearbeitet, die aufgrund von Medienauftritten berühmteste Prostituierte Deutschlands. Erwin erzählt uns, dass eine Dame, die hier arbeitet, zwischen 12.000 – 15.000 Euro im Monat verdient und in 5 – 6 Jahren ausgesorgt hat. Na, wär vielleicht doch zu überlegen, oder?

Wir kommen zur Davidwache, die durch Film und Fernsehen zum bekanntesten Polizeirevier der Hamburgs geworden ist. Das Gebäude im typisch roten Backsteinbau wurde 1914 fertig gestellt und steht heute unter Denkmalschutz. Es ist das kleinste Revier Europas und dennoch werden sich die Beamten nicht langweilen. Aufgrund der Lage direkt am „Kiez“ sind sie hier mitten im Geschehen von Schlägereien, Saufgelagen, Bandenkriege zwischen Zuhältern und sonstigen kriminellen Vorkommnissen.

Danach bringt uns Erwin in eine Seitengasse und wir bleiben vor einem Lokal mit einer Schwingtür stehen, dekoriert mit gespreizten Frauenbeinen mit roten Lackschuhen. Na Servus, bringt der uns doch glatt in ein Puff, das ist unser erster Gedanke. Zudem erzählt er uns, dass er als Jugendlicher selber lange gezögert hat durch diese Beine zu gehen. Und irgendwann hat er es dann doch getan und war a bissi enttäuscht, weil sich dahinter „nur“ das legendäre Lokal „Zur Ritze“ befindet. Die Boxer- und Promikneippe ist tapeziert mit hunderten von Fotos mit Autogrammen bekannter Persönlichkeiten aus allen Genres. Auch diverse Utensilien aus dem Boxsport wurden dazwischen gepinnt. Während wir ein Bier kippen, greift Erwin zur Gitarre und gibt einige typische Schnulzen zum Besten.  Danach dürfen wir mit ihm noch in den Keller gehen, wo sich im Boxring gerade zwei schöne Sixpacks kloppen. Auch dieser Raum ist voll mit Poster von Sven Ottke, Wladimir Klitschko, Max Schmeling, Axel Schulz und vielen anderen Promis. Wir bewundern eine Weile die Kämpfer und dann setzen wir unsere Tour durch St. Pauli fort.

Die wohl bekannteste Seitengasse der Reeperbahn ist die sogenannte „Großen Freiheit“, wo einst Religions- und Gewerbefreiheit galt. In den vierziger Jahren öffneten Nachtclubs ihre Pforten und heute reiht sich ein Show- und Erotiklokal an das andere. Hier kommen also die Nachtschwärmer auf ihre Rechnung. Hier hat unter anderen auch die Karriere der Beatles begonnen. Heute schmückt eine Erinnerungstafel mit den Namen vieler Musiker eine Hausfassade.

Wir studieren die Werbetafel des „Safari“, wo die guten alten Zeiten der Bühnenshows noch lebendig sind und typische Kabarettunterhaltung mit Erotik gemischt wird. Plötzlich geht ein Raunen durch unsere Gruppe, weil eine andere Tour an uns vorbei zieht, mit Lilo Wanders als Guide.

Auf der anderen Straßenseite wirbt das „Dollhaus“ für den morgigen Schlagerwettbewerb. Die Männer scharren schon mit den Hufen, denn hier werden außerdem High Class Tabledance, Striptease, GoGo Dance und  Erotic Shows geboten. Zu blöd, dass Erwin aber zum Weitergehen drängt.

Last but not least erreichen wir an der Einmündung zur Großen Freiheit den Beatles Platz. Um 500.000 Euro wurde hier eine runde Fläche mit schwarzem Boden angelegt, nach dem Vorbild einer alten Schallplatte. Die Silhouette-Skulpturen der ursprünglich fünf Pilzköpfe (Stuart Sutcliffe ist früh aus der Band ausgeschieden) sollen an die Bedeutung Hamburgs in der Geschichte der Beatles erinnern. Nachts werden die silbernen Kerle mit Spots angestrahlt – da sieht echt elegant aus.

Egal, wo wir auch hinkommen, überall kennen sie Erwin und jubeln ihm wie einem Popstar zu, begrüßen sich mit „mor´jen“ und das obwohl es schon dunkel wird. Nach eineinhalb Stunden verabschiedet er sich wieder von uns und wir können ihn nur wärmstens weiterempfehlen. Er erzählt interessant und unterhaltsam Geschichten und Ereignisse Hamburgs im besonderen St. Paulis und beantwortet alle Fragen wissensreich und mit allen pikanten Details.

Nach einem Absacker in der Bar St. Pauli am Spielbudenplatz stapfen wir müde und ausgefroren zu U-Bahn.

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