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Etwas früher als sonst machen wir uns heute auf den Weg an die Nord-Westküste. Der Grund ist die Ebbe vor Lihou Island, die zwischen einer und vier Stunden variieren kann. An manchen Tagen im Monat ist überhaupt kein Zugang möglich, da der Weg zur Halbinsel überflutet ist. Heute haben wir zwischen 09:40 und 11:25 Uhr Zeit, die reichhaltige Pflanzenwelt und die brütenden Vögel zu betrachten. Die Ebbe-& Flutinformationen für die nächsten Tage liegen normalerweise in jedem Hotel auf.

Aber alles der Reihe nach: An der Bushaltestelle treffen wir die beiden Wiener wieder, die uns schon die ganze Reise „verfolgen“ – also, von wegen am Flughafen. Auch die beiden möchten auf die Insel und daher machen wir uns gemeinsam auf den Weg.

Als wir dort ankommen, hat der Nebel die Insel verschluckt. Dafür ist der Damm großteils recht schön begehbar. Lediglich einige Stellen sind noch mit Wasser gefüllt, die wir umgehen müssen. Kleine Muscheln kleben an den Steinen und es knackst bei jedem Schritt unter den Schuhen. Rund um uns herum liegen Algen in den verschiedensten Grüntönen.

Nachdem wir es geschafft haben, auf die Insel zu kommen, sehen unsere Wanderschuhe aus als wären sie frisch paniert. Der Schmutz löst sich aber wieder während des Spazierganges rund um die Insel. Das Gehen auf der weichen Wiese fühlt sich an wie auf einem Teppich. Auf einem sehr schönen wohlgemerkt, denn er ist übersät mit rosa Grasnelken und gelben Frauenschuh. Das ist so hübsch zum Ansehen, dass wir gar nicht genug davon bekommen. Und auf den Grasnelken tummeln sich zu Hauf viele Esparsettenwidderchen, das sind die hübschen roten Schmetterlinge mit den schwarzen Punkten. Denen gefällt es hier scheinbar auch.

Vogelgezwitscher und Möwengekreische, wohin man hört. In den Nestern der Möwen können wir vereinzelt Eier erblicken, wenn die Möwen-Mama mal ihr Nest verlässt. Mei, sind die aber liab – da tapsen auch schon Möwen-Babies herum. Als wir die Kleinen näher betrachten und filmen möchten, erhebt sich die Mama in die Lüfte und kreist über uns. Wir haben den Wink nicht verstanden und so beginnt sie, Wolfgang zu attackieren. Das ist uns dann aber zu gefährlich und wir nehmen Reißaus.

Schnell haben wir die Insel umrundet – am Ende oder am Anfang, je nachdem in welche Richtung man geht, stößt man auf Ausgrabungsreste eines im frühen Mittelalter errichteten Klosters.

Nicht weit vom Zugang zur Insel entfernt besichtigen wir ein 9 m langes Hügelgrab, das zwischen 4.000 – 2.500 v. Chr. gebaut wurde. Während der Freilegung 1840 von Le Creux ès Faies wurden auch zahlreiche Grabbeigaben gefunden.

Wir wandern Richtung Süden ans äußerste Zipfel der Insel, zum Table des Pions. Inmitten eines Steinkreises befindet sich eine Art Tisch. Dieser Name kommt daher, dass die Insulaner, die jährlich die Inselstraßen nach Schäden absuchten, abschließend rund um den „Tisch“ ihre Jause verzehrten. Es ist aber bis heute nicht bekannt, wie diese Konstellation entstanden ist.

Es ist sehr schwül und bevor wir wieder in den Bus einsteigen, gibt’s wieder mal Tea und Scones mit Cream und Jam. Oh, wie lecker – die Kalorien sind schon auf den ersten Blick sichtbar!

Auf der Fahrt ins Landesinnere erleben wir abwechselnd Nebelschwaden mit blauem Himmel. Wir verlassen den Bus am Airport und wandern dann weiter zur Little Chapel, der meistbesuchten Touristenattraktion der Insel. Kein Wunder, denn das muss man gesehen haben. Die Minikirche ist übersät mit Scherben von Tassen, Tellern, Fliesen und Muscheln von allen Herstellern und Farben. Der Künstler, Déodat, wollte 1914 eine Miniaturausgabe von Lourdes bauen, zerstörte sie aber zweimal. Elf Jahre später wurde sie dann doch fertig gestellt, nachdem von den Insulanern Unmengen von Porzellan angeschleppt wurde.

Da von hier erst in einer Stunde der Bus in die Stadt fahren sollte, beschließen wir, wieder zurück zur Hauptstraße zu gehen, um dort in die Hauptlinie einzusteigen. Das erweist sich aber schon als sehr mühsam, da das Marschieren auf der Straße – es gibt ja kaum Gehsteige – nicht sehr angenehm ist. Nach einer Viertelstunde erreichen wir dann die Bushaltestelle, müssen aber einige Zeit warten, bis der rettende Bus kommt.

Wieder am Hafen eingetroffen, machen wir noch einen Kurzbesuch auf Castle Cornet. Die Burg thront in der Hafenbucht von St. Peter Port und liegt nun im schönen Abendlicht. Mit dem Bau der Burg wurde 1204 begonnen. Sie war heiß umkämpft und wechselte einige Male den Besitzer. Erst 1947 erhielten die States of Guernsey die Burg vom britischen König geschenkt.

Im Großteil der Gebäude von Castle Cornet sind Museen und Ausstellungen untergebracht, für die wir aber heute keinen Nerv mehr haben. Wir klappern die verschiedenen Ebenen ab, von wo wir tolle Aussichten auf Hafen, Stadt und auf die Nachbarinseln haben.

Mit Bleifüßen schleppen wir uns die lange Pier zum Hafen und als Belohnung setzen wir uns dort wieder ins gemütliche Pub. Zwei große Cider (7,20 Pfund) sind schnell bestellt – aber als wir etwas zu essen ordern möchten, bekommen wir zur Antwort, dass es nix gibt, weil sie heute keine kitchen staff  haben. Ja, so was gibt es auch. Bis wir die Gläser geleert haben, blättern wir halt ein wenig die lokale Zeitung durch, die voll ist von Berichten und Reportagen über das 60-jährige Kronjubiläum der Queen. Es herrscht auch hier im Pub helle Aufregung, weil ja noch so viel zu dekorieren ist. Der Chef hat einen Karton mit Utensilien gebracht und die wollen jetzt irgendwo angebracht werden. Dafür werden auch die Gäste angeheuert, die mit Rat und Tat auch mitmachen. Blöd nur, dass das Tixo nicht überall klebt und die Nägel nicht lange in der Wand bleiben. Wir fühlen uns wie in einem Kabarett. Nur gut, dass wir nicht auch noch dekorieren müssen.

So, der Cider ist weg, der Schwips ist da – jetzt brauchen wir aber dringend was Essbares! In der Red Onion Bar eine Gasse weiter oben haben sie Mitleid mit uns. Außerdem sind sie mit den Hausaufgaben schon fertig und alle Wimpelketten hängen bereits an ihrem Platz. Wir ordern und bezahlen an der Bar unseren bewährten Cider und was zu essen. Übrigens, Cider wird gezapft und die Gläser werden hier so randvoll gefüllt, dass man sich schon beim Hochheben anschüttet. Ordentlich beduselt stapfen wir mit vollem Bauch ins Hotel und gehen sehr früh schlafen.

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