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Nach Celle besuchen wir heute Lüneburg, das bekannt ist für seine Backsteingotik mit den historischen Giebeln. Während des Zweiten Weltkrieges blieb die Hansestadt vom Bombenhagel verschont, sodass ein schönes mittelalterliches Stadtbild das heutige Aussehen prägt. Reich geworden ist Lüneburg durch das weiße Gold, das Salz, das über tausend Jahre gesiedet wurde.

Wir starten unseren Rundgang am Platz Am Markt, an dessen Ende das Alte Rathaus thront. Die imposante, weiße Fassade leuchtet im Sonnenlicht und hebt sich toll vom blauen Himmel ab. Im Turm befindet sich ein Glockenspiel aus Meißner Porzellan und Punkt 12:00 Uhr können wir dem Geläute zuhören. Davor befindet sich der hübsche Luna-Brunnen mit der Mondgöttin, von dem auf drei Etagen verteilt,  Fratzen Wasser ins Becken spuken.

Nicht weit vom Rathaus entfernt besuchen wir die St. Nicolaikirche (1402 – 1440). Die dreischiffige gotische Basilika ist die Kirche der Schiffer und Salztonnenbötcher. Feierliche Orgelmusik begrüßt und begleitet uns bei unseren Rundweg. Bemerkenswert sind das tolle achtzackige Sterngewölbe über dem Mittelschiff und der prachtvolle, geschnitzte Flügelaltar.

Wieder zurück Am Platz nehmen wir an einer Führung durch das Rathaus teil – und das ist echt lohnenswert. Der erste Bau ist um 1200 entstanden, als Einraum-Rathaus mit etwa 12 m² und wurde nach und nach mit Zubauten erweitert. Aus dieser Zeit stammen die Gerichtslaube, der Archivraum, die Bürgermeisterkammer, die Kanzlei und der 34 m lange Festsaal. In allen Räumen können wir unglaublich tolle Glasfenster, Wandmalereien und Schnitzkunst bestaunen. Der Festsaal wurde zu damaligen Zeiten mit 364 Kerzen ausgeleuchtet, eine Kerze weniger als das Jahr Tage hat. Der Karfreitag ist ein dunkler Tag und deswegen symbolisch eine Kerze weniger.

Wir verlassen nach einer hochinteressanten Stunde das Rathaus durch den kleinen Innenhof und erreichen so die Waagestraße. Uns gegenüber befindet sich das „schwangere Haus“. Die Außenmauer dieses Hauses ist wie der Bauch einer Schwangeren nach außen gewölbt und schaut echt urig aus! Da die Bauwirtschaft boomte und die Nachfrage nach Ziegel stieg, wurden die Steine mit höherer Temperatur gebrannt – „tot gebrannt“.  Im Laufe der Zeit nahmen sie viel Feuchtigkeit auf und haben sich ausgedehnt. Die Wand ist eine Attraktion für Paare mit Kinderwunsch, denn ein Gerücht besagt, dass das Berühren Glück bringen soll.

Wir spazieren weiter und kommen ins sogenannte Wasserviertel, wo der 1797 erbaute alte Kran aus Holzfachwerk noch heute steht. Er gilt heute als eines der Wahrzeichen der Stadt. Auch die große Industriemühle hat eine Bestimmung gefunden, sie beherbergt Gäste aus dem benachbarten Hotel. Ich glaub, ich möchte hier aber nicht übernachten, denn da müsste ich aufgrund des Dauerplätscherns ständig aufs Klo. Wir sitzen gemütlich auf einer Bank und blicken nach allen Richtungen und genießen die Stimmung. Das Geländer vor uns ist vollgehängt mit Liebesschlössern, das sind Fahrradschlösser mit eingravierten Namen, Daten oder Symbole. Dieser Brauch ist in Rom, der Stadt der Liebe entstanden und symbolisiert ewige Liebe. Früher haben die Pärchen ihre Anfangsbuchstaben und Herzen in die Baumrinde geritzt – so ändern sich die Zeiten.

Am Stintmarkt wurde im Mittelalter Stint, ein heringsartiger Fisch gehandelt. Heute befindet sich Lüneburgs größte Kneipenmeile in dieser Straße, die direkt am Fluss Ilmenau liegt. Geprägt ist dieses Viertel von dunklen Kellergewölben in schmalen Giebelhäusern. Man kann sich leicht vorstellen, dass man abends durch die mystisch beleuchtete Gasse spaziert, Nebelschwaden steigen auf und betrunkene Typen torkeln aus den Kneipen. Da kommen schon kriminalistische Gedanken hoch, wie schnell so ein Saufbold auf mysteriöse Weise verschwindet.

Wir kommen zu Lüneburgs schönstem Platz – Am Sande. Der Name kommt daher, dass er im Mittelalter ungepflastert, also sandig war. Dort wurde von den Kaufleuten ihre Ware feilgeboten. Hier befindet sich die Industrie- und Handelskammer, die von tollen Backsteingebäuden flankiert wird. Die aneinander gereihten Häuser mit den verschiedensten Dachgiebel, gotische oder schneckenförmige, verschnörkelte aus der Barockzeit, sind schon beeindruckend. Das Haus Nr. 53 besitzt den ältesten Treppengiebel, er stammt aus der Zeit um die 1400. Gegenüber der Handelskammer befindet sich die älteste Kirche Lüneburgs, die St. Johannis Backsteinkirche. Die fünfschiffige Hallenkirche aus dem 14. Jhdt. verfügt über einen großzügigen, weiten Innenraum. Imposant sind die bombastische Orgel und der wandelbare, geschnitzte Flügelaltar. Kennzeichen dieser Kirche ist der 108,7 m hohe, schiefe Turm. Einer Legende nach hat sich der Baumeister deswegen aus dem oberen Fenster des Kirchturms gestürzt, blieb aber am Leben, da ihn ein vorbeifahrender Heuwagen aufgefangen hat.

Auffällig und kreativ sind die Platz- und Straßennamen Lüneburgs, denn außer den schon erwähnten, sind wir noch Am Berge, Bei der Ratsmühle, Bei der Abstspferdetränke, an der Kleinen Bäckerstraße oder in der Scherenschleiferstraße entlang spaziert.

Den Abschluss des Tages macht der quadratische Neue Wasserturm. Der Lift bringt uns in Null-Komma-Nix die 56 m Höhe auf die Aussichtsterrasse und von dort haben wir einen weiten Blick auf Lüneburg und die Umgebung. Der Turm dient heute nur noch für Ausstellungen und kulturelle Veranstaltungen. Die 500 m³ Fassungsvermögen erwiesen sich schon bald als zu knapp bemessen. Ein Abriss scheiterte an den Kosten und daher wurde der Hochbehälter unter Denkmalschutz gestellt. Das Standesamt hat unter anderem hier eine Nebenstelle, sodass man in hohen Lüften Ja zu seinem Liebsten sagen kann.

So, mein Liebster und ich haben für heute genug und schlendern daher zur Parkgarage zurück.

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