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Blauer Himmel begrüßt uns an diesem herrlichen Tag und das passt wunderbar, denn heute haben wir unsere erste Levadawanderung am Programm. Ende des 15. Jahrhunderts begann man Kanäle zu bauen, um das reichlich vorhandene Wasser vom Norden und vom Inselzentrum in die Städte, Dörfer und auf die Plantagen zu leiten. Die Kanäle – Levadas – wurden nicht nur gemauert, sondern auch in die Felswände geschlagen. Begrenzungsmauern und Wartungswege wurden bei jeder Levada mit errichtet. So durchziehen sie die gesamte Insel und ermöglichen nun den Wanderern in Regionen vorzudringen, wo nie ein Fahrzeug hinkommen würde.

Von Santana fahren wir Richtung Pico Ruivo. Die etwa vier Kilometer lange Strecke ist gesäumt von violetten Schmucklilien, weißen Madonnenlilien und vielen anderen prächtigen Blumen. Es sieht hier wie ein einziger angelegter Garten aus. Die Gärtner von England würde da glatt der Neid fressen!

Am Parkplatz vom Rancho Madeirense auf 880 m starten wir unsere Wanderung. Ein kurzer Blick auf die Uhr – 09:45 Uhr, dann geht es los. Am Beginn des Weges lassen wir ein etwas herabgekommenes Santanahäuschen hinter uns. Anfangs ist das Wegerl noch breit und am Rand bewachsen mit Hortensien und Farnen. Der Duft des Lorbeerwaldes ist – romantisch gesagt – echt betörend! Nur langsam kommen wir vorwärts, weil wir ständig die Kameras auspacken müssen. Wir erreichen den Park von Queimadas, wo zwei strohgedeckte Häuser, ein Ententeich, plätschernde Bäche und urige Gartenzäune eine Atmosphäre schaffen, wie gerade aus einem Bilderbuch entsprungen.

Über eine Holzbrücke führt nun der Wanderweg weiter, wird aber immer schmaler. Dichtes Grün am Wegrand mildert das schwindelerregende Gefühl, denn seitlich geht es bis zu 100 Meter abwärts. Quer über den Weg wachsende Bäume und Wurzelwege machen die Wanderung zeitweise sehr abenteuerlich. Stellenweise fließt das Wasser auch von der Steinwand und das oft so heftig, dass wir im Laufe des Wanderns mehrere Duschen bekommen. An einer unpassierbaren Engstelle wird die Levada umgangen, weil ein Wasserfall die Felswand herunterstürzt. Wir betrachten das ursprüngliche Hinweisschild für den Wanderweg und uns wird angst und bange, denn das ist bereits fast abgesoffen!

Die Levadawege sind jetzt nur noch 30 cm breit und werden mit Drahtseilen gesichert – auch wenn diese nicht unbedingt sehr vertrauenserweckend aussehen. Das Plätschern des Wassers, das Zwitschern der Vögel und das Surren der Insekten sind anfangs die einzigen Geräusche in diesem schönen Lorbeerwald. Doch der Frieden wird dann durch eine Horde Jugendlicher abrupt gestört. Als wären sie alleine auf der Welt, laufen sie mit einem gewaltigen Radau die Levada entlang. Lange, nachdem sie uns überholt haben, können wir das Gekreische immer noch hören. Um ein wenig Abstand zu gewinnen, legen wir eine längere Pause bei einem wunderschön gelegenen See ein, in den ein Wasserfall herunterstürzt. Wie durch einen Laubengang geht es dann weiter und immer wieder bieten sich weite Ausblicke auf die entfernt liegenden Orte.

Nach ca. eineinhalb Stunden erreichen wir den ersten Tunnel. Wir packen die Stirnlampen aus, die wir uns von den Nachbarjungs geborgt haben. Der erste Tunnel ist nur zwanzig Meter lang, aber finster und in der Mitte krümmt er sich dann auch noch. Dem zweiten ca. 200 m langen Tunnel folgt ein dritter und ein vierter. Eines haben sie alle gemeinsam, sie sind stockdunkel, sehr niedrig und mehr als einmal macht unser Kopf Bekanntschaft mit dem rauen Stein.

Eine Viertelstunde später endet die Levada und wir erreichen einen breiten Überlauf. Auf einem felsigen Steig klettern wir noch die letzten Meter hoch und werden dann belohnt mit einem ewig langen Wasserfall, der tosend in einen eisigen, kristallklaren See stürzt.

Es ist bereits nach 13:00 Uhr und daher folgen wir dem Beispiel vieler anderer Wanderer und fallen über unsere Jause her. Bevor wir aufbrechen, werden noch unsere Füße mit Blasenpflaster und Kniestrümpfe versorgt. So, jetzt sind wir für den Rückweg wieder fit.

Wir haben fast die halbe Strecke hinter uns gebracht, als uns eine Fata Morgana erscheint. Da kommt uns eine Gruppe entgegen, zwei Erwachsene, mindestens sieben Kinder und ein Hund. An sich ja nichts Ungewöhnliches, aber der Mann ist mit nacktem Oberkörper und die Mädels mit Bikinioberteilen und Flip-Flops unterwegs. Ein Kind ist blind, ein anderes hat ein Gipsbein, keiner trägt einen Rucksack oder gar eine Wasserflasche und der kleine, dicke Hund hat Asthma. Wie angewurzelt bleiben wir stehen und starren ihnen sprachlos nach. So eine Verantwortungslosigkeit haben wir noch nie erlebt. Hätte uns interessiert, ob sie bis zum Wasserfall kommen?

Leider treffen wir die grölende Jugendgruppe auch auf dem Rückweg wieder. Sie führen sich auf, als wären sie ein Rudel Werwölfe. Eine Zeitlang müssen wir das Geheul ertragen, denn wir wollen auch so rasch als möglich wieder zum Ausgangspunkt zurück. Die Füße brennen, das Becken schmerzt – wir müssen uns eingestehen, dass das fehlende körperliche Training jetzt ihren Tribut fordert.

Nach mehr als sechs Stunden erreichen wir dann das Auto. Raus aus den Wanderschuhen, schnell noch einen Schluck Wasser trinken und dann nichts wie zurück ins Hotel.

Nach der erfrischenden Dusche, erholen wir uns noch ein wenig. Am Abend besuchen wir wieder das hoteleigene Restaurant. Dort stechen wir als Bleichgesichter aus der Gruppe der rotköpfigen anderen Hotelgäste heraus. Fast alle haben einen Sonnenbrand, sodass wir beim Hinsehen schon Schmerzen bekommen. Das Gesicht der Französin neben uns ist so aufgeschwollen, dass sie kaum sprechen kann. Die sind doch echt wahnsinnig. Madeira liegt am afrikanischen Breitengrad!

Eine Spezialität dieser Insel ist der Espada com Banana und den probiere ich heute einmal. Dass die süße Banane zum Degenfisch passt, dass kann ich mir nämlich nicht vorstellen, aber ich werde vom Gegenteil überzeugt. Die Süßkartoffel, die dazu serviert wird, harmoniert auch wunderbar. Ich bin total begeistert und kann mir sehr gut vorstellen, dass ich dieses Gericht sicher noch einmal bestellen werde. Bom apetite!

Als wir die Rechnung verlangen, fragt uns die Kellnerin, ob wir unterschreiben wollen (=auf’s Zimmer buchen). Als Wolfgang darauf verneint, gebe ich ihm zu bedenken, dass er nie berühmt werden wird, wenn er keine Autogramme gibt!

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