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Der Tagesablauf ist uns mittlerweile ins Blut übergegangen. Aufstehen, anziehen, Rucksack packen, losstapfen, frühstücken in der Bäckerei, auf zur nächsten Metrostation, Karte zum Laser hinhalten … Moment, stopp, heute ist etwas anders … heute stehen Kontrolleure vor den Schranken und machen einen Blick auf die Ausweise. Mit dem RER A fahren wir Richtung Marne-la-Vallée Chessy, ca. 30 km östlich von Paris. Hier ist 1992 auf zweitausend Hektar landwirtschaftlichen Felder Disneyland entstanden mit einem Vergnügungspark, Hotels und Restaurants, einem Golfplatz, künstliche Seen und, und, und.

Raus aus dem Zug, über den Bahnsteig drüber und rein beim anderen Tor. Dank der gestern schon im Internet gekauften Eintrittstickets marschieren wir an den Warteschlangen vorbei und flutsch sind wir mitten im Geschehen. Gleich nach dem Eingang kommen wir in die Main Street mit ihren viktorianischen Häusern aus der Jahrhundertwende. Pferdekutschen kommen uns entgegen und es ist, als wären wir in Amerika. Wir durchqueren den Central Plaza und beim Anblick des bonbonfarbenen Schlosses mit den süßen Spitztürmchen flippt Viktoria aus. Wir lassen uns von ihrer Euphorie gleich anstecken und werden im Nu auch zu Kindern.

Rund um uns ertönt Musik und es ist schon so einiges los. Fünf Themenparks erwarten Groß und Klein hier und nach einer kurzen Orientierung auf dem Plan entscheiden wir uns mit dem Adventureland zu starten. Zehn Minuten Wartezeit ist auf der Tafel zu lesen am Eingang der Achterbahn von „Indiana Jones and the Temple of Peril“, das passt. Eingefädelt in die Bahnen der Warteschlange geht es einmal hin, einmal her, dann rein ins Gebäude, Treppe hinauf, Treppe hinunter und während wir uns langsam vorantreiben lassen, gibt es allerlei zu bestaunen. Der Besucher wird so von der Wartezeit abgelenkt. Als wir schon glauben am Ziel zu sein, müssen wir noch eine Runde drehen. Und dann haben wir es endlich geschafft. Die „Warning“ Tafel lässt mich Wolfgang nicht lesen, aber Gott sei Dank erblicke ich vor dem Besteigen der Waggons noch rechtzeitig das Looping. Somit steht für mich fest, ich muss den Fluchtweg antreten. Raus aus dem Gebäude und mit Blick auf die Bahn setze ich mich in den Schatten und schau zu. Nach den Schreien zu urteilen, ist das die richtige Entscheidung für mich gewesen. Bin schon gespannt, was die Beiden nach dem Höllenritt berichten. Nach wenigen Minuten kommen sie wie aufgescheuchte Hühner um die Ecke gehüpft, „des war so cool, noch einmal“ und biegen wieder ab zur Warteschlange.

Nächste Attraktion, der „Big Thunder Mountain“ und hier kann ich dann auch mitfahren. An diesen Berg kann ich mich noch vom letzten Besuch erinnern. Schnell noch nachgemessen, ob wir auch den Größenangaben von 1,40 m entsprechen und dann geht´s los. Nach der Fahrt schlendern wir noch gemütlich im „Frontierland“ herum, begegnen Peter Pan und Wendy und musizierenden Piraten.

Es ist mittlerweile Mittag geworden und auf der Suche nach einem passenden Restaurant stehen wir mehrmals in einer Sackgasse, weil einige Bereiche mit hohen Brettlwänden verschlossen sind und Mickey Mouse uns erzählt, dass „dieses Gebiet fur Irh zukünftiges Vergnügen verbessert wird“.

Im Restaurant „Hakuna Matata“ ergattern wir noch einen freien Platz im Gastgarten und während wir Salat und Henderl essen, werden wir von afrikanischer Live-Musik unterhalten.

Gestärkt drehen wir wieder unsere Runden auf dem Gelände. Da sehen wir, dass die Waggons auf dem „Big Thunder Mountain“ mitten auf der Kuppe stehen geblieben sind, die Menschen alle aussteigen und zu Fuß zum Ausgang gehen. Na hurra, gut dass wir unsere Fahrt schon hinter uns haben, denn jetzt wären wir sicher nimmer eingestiegen.

Wir widmen uns nun dem „Phantom Manor“, dem Geisterhaus, in dem die verschmähte Braut Melanie herumgeistert. Klingt schlimmer, als es ist, denn hier wird man nicht erschreckt, sondern mit ausgeklügelten Illusionen verblüfft. Wir durchfahren in Gondeln das verdunkelte Haus der Addams Family, begleitet von Schreien und Geistergeheul. Oh, wir fürchten uns!

Eine der beliebtesten Attraktionen im Discoveryland ist der „Buzz Lightyear Laser Blast“, das Highlight aller Kinder – natürlich auch großer Kinder. Also genau das richtige für uns. Als Spaceranger unterstützen wir Buzz bei seiner Jagd nach dem bösen Herrscher Zurg, der die Batterien von Kinderspielzeugen stielt. Mit Laserpistolen müssen wir auf Zielscheiben schießen und so Punkte sammeln. Mit einem Steuerhebel kann man den Weltraumkreuzer drehen und schwenken, um so viele Scheiben wie möglich zu treffen. Also, Feuer frei! Bereits nach kurzer Fahrt hat Viktoria eine ansehnliche Punktezahl auf ihrem Konto, die sie mit Ehrgeiz zu verteidigen versucht. Am Ende habe ich aber 52.600 Punkte, Viktoria 18.300 und Wolfgang ist mit 68.100 Punkten Sieger. Was wir nämlich nicht wussten, die kleineren, weit entfernteren Scheiben zählen mehr und auf die haben wir geballert, weil man für diese länger Zeit hatte sie anzuvisieren.

So, nach dem Kinderprogramm gibt´s jetzt wieder was für Erwachsene und die Entscheidung fällt auf den „Space Mountain Mission 2“. Nach einer kurzen Anstellzeit landen wir vor einem Bildschirm mit einem Security-Film. Danach entscheidet sich die Sabine wieder den Sortie de Secours zu benützen und draußen auf die zwei zu warten. In einer Art Kanone, im Dunkeln sitzend, wird man durch ein Stahlrohr von der Erde zum Mond geschossen. Während dem Raketenflug werden die Insassen gründlich durchgeschüttelt, trifft auf dreidimensionale Himmelskörper und Meteoriten. Dabei macht man 360 Grad Loopings, nach vorne und auch seitwärts. Gesteigert wird das Erlebnis durch die passende akustische Untermalung. Mir wird da bei der Vorstellung daran schon schlecht. Obwohl Viktoria und Wolfgang nach der Fahrt grüne Gesichter haben, sind sie im Adrenalinrausch und jumpen mit Begeisterung ein zweites Mal hinein. Danach ist den Beiden schwindlig und schlecht. Soll ich jetzt Mitleid haben? Neeeeeein.

Um wieder Boden unter den Füssen zu kriegen, tauchen wir mit der „Nautilus“ ab in die Tiefe. Wir befinden uns zwanzigtausend Meilen unter dem Meer im U-Boot von Kapitän Nemo und spazieren durch den Maschinenraum und anderen Räumen mit Interieur und liebevoll gestalteten Details, dem Film nachempfundenen.

Seit wenigen Wochen ganz neu im Disneyland ist die „Jedi Training Academy“. Junge Padawane in braunen Kutten werden von Jedi-Meistern unterrichtet im Umgang mit den Laserschwertern. Eine letzte Prüfung und dann erscheint Darth Vader und jeder kämpft gegen ihn. Alle besiegen die dunkle Macht und erhalten vor dem Abgang von der Bühne eine Urkunde. Die stolzen Eltern applaudieren und wir geben ihnen dabei Verstärkung. Oh ist das peinlich, ich glaub, da muss sich jemand für uns zwei schämen – oder Viktoria?

„Star Tours nimmt Sie mit auf ein turbulentes Weltraumabenteuer im Simulator mit scharfen Kurven und unerwarteten Drops“ – das geben wir uns. Nachdem wir in den Simulator eingestiegen sind, werden wir gleich wieder hinausmanövriert. Es heißt, sie möchten noch die Spuren von Erbrochenem der letzten Reisegruppe wegräumen. Na, das kann ja lustig werden! Bei der nächsten Fahrt – zum Glück mit einer anderen Kabine – sind wir dann mit dabei. R2D2 und C3PO bereiten eine Reise für Touristen durchs Weltall vor und diese wird aufgrund deren Tollpatschigkeit zu einer sehr turbulenten Fahrt. Wir sind komplett durchgeschüttelt und gerüttelt als wir auf dem Mond Endor ankommen. Aber das ist lustig gewesen!

Vorerst mal genug Action, wir schlendern ins „Fantasyland“ und statten den Märchenfiguren im Schloss einen Besuch ab. Vom rosa Dornröschenschloss ragen unzählige Türmchen mit blauen Kappen gen Himmel und das Innere kleiden wunderschöne Bleiglasfenster und Wandteppiche, die Szenen von Dornröschen zeigen. Wir schreiten die Treppe hinauf und gelangen von dort auf den Balkon und von hier hat man einen tollen Ausblick auf das „Fantasyland“.

Je mehr die Zeit fortschreitet, umso mehr Besucher schmeißen sich ins Gewühl und manchmal ist zwischen Realität und Märchen nicht mehr zu unterscheiden. Passend zur Kulisse laufen hier viele Prinzessinnen, Zauberer oder Micky Mäuse herum und wir begegnen nicht nur kleinen Märchenfiguren, sondern jeden Alters. Dafür sorgen die vielen, vielen Geschäfte, die draußen und drinnen alles anbieten, was man so begehrt und braucht. Wir belassen es aber mit dem Probieren von Hüten. Viktoria hat es ein zuckersüßes, blaues Kleidchen der Schneekönigin angetan, nein nicht für sie, sondern für die kleine Schwester. Aber sorry, diese kleine Stück Stoff ist so schweineteuer, daher halten wir es nur mit einem Foto fest. Wenn wir bedenken, wie viele kleine Prinzessinnen hier herumlaufen, komplett gestyled von oben bis unten inklusive Schminke und Stöckelschuhe. Na ja, früh übt sich, wer einmal ein Model werden will.

Als wir zum „Peter Pan´s Flug“ kommen, zeigt die Wartetafel keine Zeit an, denn auch diese Attraktion ist out of order. Schade, denn die Gondelfahrt über die Dächer von London ins Nimmerland wollten wir unbedingt machen.

Wir spazieren weiter und kommen zum „Schloss der Herzkönigin“. Um aber dorthin zu gelangen, muss man erst den Weg durch das Heckenlabyrinth finden. Viktoria macht sich allein auf die Suche und wir gönnen uns währenddessen einen Kaffee im gegenüberliegenden Café. Ach, tut diese kurze Entspannung gut. Wir lassen die Seele baumeln und übersehen dabei, dass Viktoria schon nach kurzer Zeit den Weg auf dem Balkon findet und zu uns herüber winkt.

Genug ausgeruht, jetzt steht eine Fahrt mit den „Mad Hatter´s Tea Cups“ auf dem Programm. Viktoria und ich schmeißen uns in die übergroßen Tassen, die sich sowohl um die eigene Achse drehen, als auch um die anderen. Um das Ganze noch ein wenig wilder zu gestalten, gibt es in der Mitte ein Rad, an dem man selber noch kräftig mitdrehen kann. Na Servus, nach dem Aussteigen haben wir das Gefühl, ein paar Gläser zu viel intus zu haben.

Jetzt ist noch shoppen angesagt, denn Viktoria möchte für ihre Lieben zuhause ein Mitbringsel besorgen. Nur stellen wir fest, dass hier nicht der geeignete Platz dafür ist, denn es gibt eindeutig zu viel Angebot. Nehm ich dies oder doch das andere, die Entscheidung fällt so schwer.

Es ist nach 19:00 Uhr, als wir mit schweren Füssen den Park verlassen und Richtung Zug schlendern. Hier machen wir es uns gemütlich und lassen den Tag nochmal Revue passieren. Dabei fällt uns ein, dass wir die musikalische Kreuzfahrt rund um die Welt vergessen haben. „It´s a small world“ ist eine Fahrt mit dem Boot durch jedes Land der Erde, begleitet mit dem gleichnamigen Lied, der zu einem richtigen Ohrwurm wird. Es war 1998 als wir mit Viktoria´s Eltern das erste Mal in Amerika im Disneyland waren und wir haben uns damals wie unbeschwerte Kinder gefühlt auf der Fahrt. Unbewusst haben wir diesen Song immer wieder gesummt und um Viktoria zu vermitteln, was sie jetzt versäumt hat, bekommt sie eine Vorstellung von uns.

Im Bahnhof Val de Fontenay bleibt der Zug plötzlich stehen und bleibt länger als üblich mit offenen Türen stehen. Nach einer gefühlten Ewigkeit kommt eine Durchsage auf Französisch, die ich leider nicht zur Gänze verstehe. Irgendetwas ist im Viertel La Défense mit einem Zug passiert. Unruhe macht sich im Zug breit und einige Fahrgäste steigen aus. Wir warten und warten, dann kommt wieder eine Durchsage und wir müssen den Zug alle verlassen. Die Türen werden verschlossen, die Lichter abgedreht und dann rauscht der leere Zug davon. Gott sei Dank ist der Bahnhof ein Knotenpunkt, an dem sich zwei RER-Linien kreuzen und daher steigen wir auf die RER E um. Zehn Minuten danach geht die Fahrt dann weiter und mit einiger Verspätung erreichen wir dann unser Hotel.

Müde und geschafft begeben wir uns noch auf die Suche nach einem Lokal, um noch etwas zu essen. Wir entscheiden uns für die nahe gelegene Brasserie „Au Rendez-Vous des Artistes, wo wir schon mal waren. Viktoria aber fällt die Wahl für das richtige Gericht schwer. Nicht weil sie in der Karte nichts findet, sondern weil sie sooooo fertig ist, dass sie sich lieber auf den Tisch legt, um zu schlafen. Contenance, junge Dame!

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