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Unser letzter Tag bricht an und auch dieser ist von Regen geprägt. Es ist Sonntag, das tut aber der Müllabfuhr keinen Abbruch, die auch heute unterwegs ist, die Tonnen leert und die Gehsteige reinigt.

Frühstück gibt es heute im Hotel, weil wir danach noch unsere Koffer packen müssen.

Kurz nach 10:00 Uhr sind wir bei diesem trostlosen Wetter bereits unterwegs. Dank der tollen Metro-Verbindung landen wir in kürzester Zeit beim Centre Pompidou. Da es gerade nicht regnet, nutzen wir die Zeit und machen einen Blick auf den Strawinski-Brunnen, der sich seitlich vom Centre Pompidou befindet. Das Markante im großen Becken sind die bunten Figuren, die von der Künstlerin Niki de Saint Phalle entworfen wurden. Ein praller Frauenkörper, eine Schlange, ein Hut, Lippen, ein Herz und andere fiktive Gestalten drehen und bewegen sich und spucken Wasser. Der Lebenspartner von Niki, der Schweizer Bildhauer Jean Tinguely hat technische Kunstwerke aus schwarzem Eisen gebaut und diese bilden eine verspielte Einheit zu den bunten Fabelwesen. Der Kontrast hier könnte nicht größer sein mit der gotischen Kirche Saint-Merri auf der einen und das moderne Centre Pompidou auf der anderen Seite.

Die Stahlkonstruktion des Centre Pompidou ist sehr extravagant und ein richtiger Hingucker auf dem sonst trostlos wirkenden Platz. Das Tragwerk und die Rohre liegen außerhalb des Gebäudes, sodass im Inneren die Wände flexibel verschoben werden können. Auf der Vorderseite verläuft eine überdachte Rolltreppe diagonal über die Fassade und sie ist rot gestrichen. Die Rohre für die Belüftung sind weiß bemalt, die Wasserrohre blau und die für die Klimaanlage grün. Die Leitungen für die Elektrik sind in Gelb gehalten und aufgrund der transparenten Glasfassaden sind diese knallbunten Details ein echter Blickfang. Trotzdem schaut dieses Gebilde eher wie eine Fabrik aus. Den Namen trägt es nach dem ehemaligen französischen Staatspräsidenten Georges Pompidou, der das Museum initiiert hat. Es beherbergt seit 1977 das Museum der Modernen Kunst mit der größten Sammlung zeitgenössischer Kunst. Außerdem finden hier unter anderem eine Kinderwerkstatt, eine Bibliothek, ein Café und ein Restaurant ihren Platz.

Wohlweislich haben wir gestern schon unsere Tickets wieder über das Internet gebucht und so schreiten wir an der langen, beschirmten Warteschlange im Regen vorbei und betreten das Gebäude über den Accès Priorité. Schnell noch Jacken und Rucksäcke abgegeben und dann stürzen wir uns ins Gewühl.

Im Centre Pompidou finden ständig Sonderausstellungen statt und momentan stellt die palästinensisch-britische Künstlerin Mona Hatoum ihre Werke dem Publikum vor. Beim Eingang hängt ein Plakat mit dem Titel „Over My Dead Body“, da lässt sie einen Spielzeugsoldaten auf ihrer Nase spazieren. Damit will sie ausdrücken, dass das kleine männliche Wesen wie ein Insekt wegblasen werden kann. Im nächsten Teil erwarten uns dann skurrile Dinge, wie in Büttenpapier eingearbeitete, abgeschnittene Fingernägel und verschiedene Arbeiten, bei denen sie Frauenhaare eingewebt oder verknüpft hat. Auf einer Bank hat sie Schneebesen, Knoblauchpressen, Siebe und einen Fleischwolf nebeneinander gereiht, mit einem Kabel verbunden und Starkstrom lässt die Gegenstände aufleuchten. Ihre Kunst erzählt vom Schrecken dieser Welt aufgrund der Gewalteinwirkung auf den Menschen.

Eine der schönsten Installationen ist für uns die gläserne Karte, die die Instabilität der Welt darstellt. Vor der Fensterfront mit Blick auf das Dächermeer von Paris und der Basilika Sacré-Cœur stellen tausende Glasmurmeln die Weltkarte dar. Das ist echt eine gefährliche Sache, denn eine falsche Bewegung oder ein laufendes Kind und die viele Arbeit war umsonst! Auf der anderen Seite kann das Ausrutschen auf den Murmeln auch ganz schön wehtun. Draußen herrscht Weltuntergangsstimmung, die Kugeln hier drinnen werden von oben mit Spots beleuchtet, das ergibt ein mystisches Bild. Lange studieren und tüfteln wir, wie das funktioniert, dass Schattierungen auf den Ländern zu sehen sind, obwohl laut Aussage der Museumsaufsicht alle Kugeln komplett ident sind und nur die Lichtbrechung dafür verantwortlich ist. Wolfgang und Viktoria legen sich sogar auf den Boden, um der Sache auf die Spur zu kommen, aber vergebens. Also belassen wir es dabei und schlendern zum nächsten Objekt, „Hot Spot“ ein riesiger Globus, bei dem die Kontinente mit roten Neonröhren abgegrenzt sind. Alarmstufe rot für die gesamte Welt! Wunderschön ist auch der rote Teppich gestrickt aus Stromkabeln, an jedem Ende eine Glühbirne. „Undercurrent“, wie funktioniert das bloß, als würden die Birnen atmen, leuchten sie immer wieder auf, nirgends ist ein Akku oder sonstiges zu sehen. Wir nehmen die Rätsel von Mona Hatoum mit und zusammenfassend sind wir uns einig, dass diese Ausstellung anregt nachzudenken. Wir können nicht mit allem etwas anfangen, aber das Gesamtpaket ist sehr interessant.

Als wir den letzten Raum verlassen, fällt uns auf, dass auf einer Anzeige die Besucher mitgezählt werden und nur eine begrenzte Anzahl eingelassen wird. Also, machen wir Platz für die nächsten. Es ist Mittag geworden und wir legen eine kurze Rast im Café ein, wo wir Sandwiches, Salat und Zitronentarte verdrücken.

Dann machen wir uns auf den Weg in die unteren Räume, um dort Picasso, Chagall, Dali und Co zu besuchen. Zuvor bekommt Wolfgang noch einen Crash-Kurs in Französisch, damit er das Wort „Tirez“ (Ziehen) lernt, denn mittlerweile ist er schon mehr als dreimal gegen eine Glastür gerannt.

Auf sieben Stockwerken sind von mehr als sechstausend Künstlern weit über 76.000 Werke (Skulpturen, Fotos, Möbel, Zeichnungen und Bilder) ausgestellt. Da können wir uns nur Schwerpunkte raussuchen, sonst sind wir in einem Monat noch da. Spaßig, die Bilder des Avantgarde-Künstlers Yves Klein, der 1958 eine neue Methode entwickelt hat für die Entstehung seiner Werke. Er hat junge Frauen als living brushes benutzt, indem sie am Körper mit Farbe beschmiert wurden und sich danach auf der Leinwand herumwälzen mussten. Das Bild „Ultramarin“ daneben sieht eher aus, als wäre ihm der Farbtopf umgefallen. Aber es hat eine richtige Sogwirkung auf die Besucher, alle bleiben stehen und verwenden das Bild als Hintergrund für die Selfies. Eine Mami hält das Fusserl von ihrem Kleinen davor, denn das hellblaue Sockerl passt da gut dazu. Naja, dann machen wir halt auch unser Foto.

Österreich ist hier auch vertreten – mit Hans Hollein, dem berühmten Bildhauer.

Im Raum mit der sogenannten Kinetischen Kunst wird beim Betreten auf einer Hinweistafel darauf aufmerksam gemacht, dass Personen, die an Epilepsie leiden, diese Bilder meiden sollen. Das genauere Betrachten der Bilder und geringste Bewegungen können das Gehirn beeinträchtigen. Auf weißen Leinwänden sind Linien in allen Richtungen gezeichnet, die das Gefühl vermitteln, dass sich das Bild ständig verändert, während sich lediglich der Betrachter bewegt. Ein schummriges Gefühl lösen sie auch bei uns aus und daher lassen wir sie hinter uns und widmen uns nun den Surrealisten. Aber auch da marschieren wir relativ schnell durch, denn wir würden Ewigkeiten brauchen, um bei jedem Bild herauszufinden, was der Maler dargestellt und sich bei jedem Strich so gedacht hat.

Mehr Aufmerksamkeit schenken wir den berühmten Werken, wie zum Beispiel Dali´s „William Tell“ oder Picasso´s Werke „Minotaure“ oder der „Harlekin“, dessen Gesicht Picassos Freund darstellt. Vassily Kadinsky war sehr fleißig, denn seine Werke bekleiden die Wände eines ganzen Raumes. Interessant das Bild „Deux points verts“, auf dem er grafische Punkte zuerst mit Sand beklebt und danach bemalt hat. Dieses Bild war 1976 eine Donation ans Museum von Madame Kadinsky.

Viktoria verliebt sich aufgrund der schönen Formen und Farbverläufen auf den ersten Blick in das abstrakte Ölgemälde „Motif Hindou“ des Prager Malers František Kupka. Prompt fotografiert Wolfgang es ab und produziert ihr einen Screensaver für´s Handy. Ach wie lieb!

Ansprechend finden wir auch die Bilder von Robert und Sonia Delauny, denn sie trumpfen mit ihrer Farbenpracht auf. Fragt sich nur, wer von dem anderen abmalt, denn der Stil ist sehr ähnlich. Aber vielleicht haben die beiden einfach gemeinsam gepinselt. Im nächsten Raum wird es wieder düster, denn Georges Braque hat sehr dunkel und linear gemalt. Matisse macht für uns den Abschluss und weil leider unser Gehirn nicht mehr so aufnahmebereit ist, verlassen wir sehr schnell den Raum und beenden unsere Museumstour.

Unweit des Ausganges betrachten wir noch die Installation aus runden Objekten, die inmitten des Ganges errichtet wurde. Den endgültigen Abschluss vollendet dann noch Viktoria im Raum „Little Boy“, der dem Bombenabwurf von Hiroshima am 6. August 1945 gewidmet ist. Hier sind die Wände von oben bis unten bunt mit Kreide bemalt und beschriftet und jeder ist eingeladen seine Gedanken und Bilder hier zu hinterlassen.

Gegen halb fünf verlassen wir das Centre Pompidou. Der Regen hat aufgehört und die Luft ist wie reingewaschen. Vor dem Gebäude herrscht wieder reges Treiben und trotz der nassen Flächen tummeln sich viele Menschen auf dem Platz. In kleinen Grüppchen wird gechillt oder Musik gemacht. An schönen Tagen treten hier regelmäßig Straßenkünstler und Artisten auf, belustigen und unterhalten die Schaulustigen. Auch die Tauben sind in Scharen da, sie wissen, dass immer was abfällt, wo Menschen essen und trinken.

Apropos Essen, unseren kleinen Hunger stillen wir mit süßen Crêpes, die wir uns auf dem Weg zum Square des Innocents besorgen. Jeder nimmt eine andere, damit wir verschiedene Geschmäcker haben: Nutella und Banane, Marmelade und Grand Marnier. Da sich die Marmelade bereits über Viktorias Jacke verteilt, verweilen wir eine Zeitlang zu Füßen des Fontaines des Innocents, damit wir in Ruhe fertig essen können und Viktoria die Flecken aus der Jacke waschen kann. Der Brunnen dominiert heute eine Fußgängerzone, im Mittelalter jedoch war er von einem Friedhof umgeben. Aus gesundheitlichen Gründen wurden die Gebeine von zwei Millionen Menschen verlegt. Obwohl heute Sonntag ist, wuseln auch hier viele Müllmänner herum, kehren Unrat zusammen und wechseln die Müllsäcke. Wirklich vorbildhaft sauber diese Stadt, das muss man echt mal betonen.

Kids sausen herum und scheuchen die Tauben auf und nur ein Stück daneben carven Teenager mit ihren Longboards zwischen den Menschen. Ein schöner Treffpunkt ist das hier, denn der Platz ist umgeben von Cafés und Restaurants, die eine tolle französische Idylle vermitteln. Beruhigend ist auch das Rauschen des Wassers, das auf Treppen den Brunnen herunter plätschert. Die Blätter der Laubbäume, die den Platz umgeben werden schon gelb, langsam kündigt sich der Herbst an. Die Temperaturen passen sich auch schon an und das leichte Lüftchen wird frischer.

Auf dem Weg zur Metrostation machen wir einen kurzen Abstecher bei der Église Saint Eustache, die majestätisch nahe der Häuserfront thront. Sie ist die größte Renaissancekirche Frankreichs und stammt aus dem 16. Jhdt. und war einst die Kirche der Händler des benachbarten Marktes. Aufgrund ihrer ausgezeichneten Akustik und der mächtigen Orgel finden viele Konzerte hier statt. Und wir wussten es nicht, aber in wenigen Minuten beginnt eines und das bei freiem Eintritt. Währenddessen schleichen wir ruhig im Inneren herum und betrachten das hohe Gewölbe, die hölzerne Kanzel und die schönen Fenster. In einer Seitennische stoßen wir auf die zynische Skulptur „Der Auszug von Obst und Gemüse aus dem Herzen von Paris“, eine wehmütige Erinnerung von Raymond Masons, der damit auf den Abriss der Markthallen anspielt. Viele Persönlichkeiten fanden hier ihre letzte Ruhe, darunter auch Anna Maria Mozart, an die eine Gedenktafel erinnert.

Wir lauschen eine Zeitlang den Orgelklängen und verlassen dann die Kirche über den Seiteneingang. Igitt, hier hat ein Sandler mit Dosentomatensuppe nach Menschen geworfen und dementsprechend grauslich schaut es jetzt hier aus. Nix wie weg.

An der Südseite der Kirche, die sich im Herzen des Viertels Les Halles befindet, liegt ein 70 Tonnen schwerer Steinkopf seitlich in einer Hand. Henri de Miller nennt sie L’Écoute und stellt so den Kontrast zwischen modern und alt dar. Der Kopf animiert Groß und Klein zum Herumklettern und das zieht auch uns an und wir werden mal kurz zu großen Kindern.

So, das war´s nun mit unserem Paris-Trip. Wir besteigen die Metro und fahren zurück zum Hotel, um unsere Koffer zu holen. Dann machen wir uns auf den Weg und die RER bringt uns wieder zum Flughafen. Schnell haben wir eingecheckt und während wir eine Kleinigkeit essen, telefoniert Viktoria noch kurz mit ihren Lieben zuhause. Der Urlaub war zwar anstrengend, hat uns allen aber sehr, sehr gut gefallen. Paris verabschiedet sich von uns noch mit einer atemberaubend schönen Stimmung, die wir beim Abheben geboten bekommen. Tausende Lichter lassen Paris erstrahlen und drücken einen bleibenden Stempel in unseren Gedanken auf.

Au revoir, Paris!

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