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Als mich Lärm aufweckt und ich auf die Uhr sehe, traue ich meinen Augen nicht – es ist erst 01:00 Uhr morgens bzw. in der Nacht und es ist taghell! Auf dem Campingplatz geht es zu wie am späten Nachmittag. Zwei Kinder spielen noch Federball, ein Pärchen kommt vom Spaziergang und eine Frau marschiert mit ihrem Geschirr zur Spüle. Und sie sind doch verrückt diese Schweden; wahrscheinlich aufgrund der verrückten Jahreszeiten!

Sonnenuntergang: 23:25 Uhr, Sonnenaufgang: 01:50 Uhr!

Etwas müde von der vergangenen Nacht klettern wir aus dem Zelt. Nach einem kargen Frühstück räumen wir alles zusammen und machen uns auf den Weg ins Zentrum von Luleå, um Lebensmittel für die nächsten Tage einzukaufen.

Einen Parkplatz finden wir schnell, das mit dem Bankomat wird schon etwas schwieriger, aber das Einkaufen selbst wird am kompliziertesten. Einen Teil der Lebensmittel erkennt man ja noch durchs Anschauen, aber eine Butter zu finden, die nicht gesalzen ist, ist beinahe unmöglich; dazu hätten wir schwedisch lernen müssen. Fertigprodukte, wie Packerlsuppen gibt es fast keine; hier wird alles frisch gekocht! Eine weitere Besonderheit erleben wir dann noch an der Kasse, denn wer mit Kreditkarte bezahlt, muss sich ausweisen.

Weiter geht die Reise nach Gammelstad, die alte Kirchenstadt Luleå. 1649 stellte man fest, dass die Stadt näher zur Küste müsste und daher wurde Luleå Neustadt gegründet. Die Stadt wurde also geteilt.

Gammelstad wurde am 7. Dezember 1996 von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt und ist heute die einzige noch erhaltene befestigte Kirchenstadt Schwedens.

Für den Bau der Kirche aus dem 15. Jhdt. wurde roter und grauer Granit verwendet. Der Holzaltar aus der Zeit um 1520 ist vergoldet und stammt aus Antwerpen. Die Fresken des Altarraumes datieren von 1480. Das prächtige Kruzifix ist ein bemerkenswertes Stück mittelalterlicher Kunst, und das Sandsteintaufbecken ist sogar noch älter als die Kirche selbst.

Die Kirche ist umgeben von 408 fast ausschließlich rot bemalten Häuschen mit weißen Fensterrahmen, die nur durch schmale Gassen voneinander getrennt sind. Wir schlendern durch diese Gassen und gucken hin und wieder verstohlen durch die Fenster in das Innere der Häuser. Die gesamte Stadt ist ein Museum und das merkt man auch, weil der Ort bis auf wenige Touristen sehr verlassen wirkt.

Unsere Reise durch Lappland in Richtung Jokkmokk führt uns durch Wälder, vorbei an Seen und kleinen Orten mit ihren typischen roten Holzhäuschen. Das satte Grün der Bäume und Wiesen ist sehr schön anzusehen und vor lauter Betrachten der Umgebung übersehen wir beinahe die Rentiere, die gemächlich über die Straße spazieren. Sie sehen lustig aus mit ihrem zerzausten Fell.

Wer in Lappland mit dem Auto unterwegs ist, muss auf Rentiere achten. Sie gehören den Samen, und für verletzte oder getötete Tiere muss Entschädigung gezahlt werden. Es ist aber nicht immer einfach, Zusammenstöße zu vermeiden, denn Rentiere sind unaufmerksame Verkehrsteilnehmer. Im Sommer, wenn nur die älteren Tiere in die Nähe der Straßen kommen, ist es in den Bergen am gefährlichsten. Darüber hinaus gelten Rentiere als eine Art „Währung“. Daher soll man einen Samen nicht fragen, wie viele Tiere er besitzt – es käme der Frage nach seinem Jahreseinkommen gleich.

Das Wetter zeigt sich von keiner guten Seite, als wir in Jokkmokk ankommen. Jokkmokk war der Name einer Samengruppe und bedeutet „Biegung des Flusses“ und heute noch ist es der einzige Ort, in dem sich im Sommer Samen aufhalten.

Um uns eingehender mit der Kultur der Samen befassen zu können, besuchen wir dort das Åjtte Samenmuseum. Es beschäftigt sich nicht nur mit der ethnischen Minderheit der Ureinwohner, sondern auch mit der Bergwelt und dem Menschen in seiner natürlichen Umgebung. In mehreren Räumen werden Schautafeln und Ausstellungstücke gezeigt, um die Lebensweise der Samen mit ihren Bräuchen näher zu bringen.

Die samische Handwerkskunst war eine „Erfindung“, um für lange Zeiten des Jahres Beschäftigung zu finden und zusätzliche Einnahmequellen zu schaffen. Was lag näher, als sich der hier alltäglichen Materialien wie Holz, Silber oder die Produkte der Rentiere zu bedienen und daraus Gegenstände zu fertigen. Es wurden Messer, Werkzeug, Besteck, Kleidung Spielzeug und allerlei dekorative Gegenstände hergestellt.

Mittlerweile ist es spät geworden und wir halten Ausschau nach einem Campingplatz, zumal es auch leicht zu nieseln beginnt. Die Wolken am Himmel verhindern auch diese Nacht einen Blick auf die Mitternachtssonne.

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