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Die Nacht war ausnahmsweise einmal trocken. England zeigt sich heute von seiner schönsten Seite. Die Schäfchen am Himmel haben dort übernachtet und es weht nur eine leichte Brise. Unsere gute Stimmung wird nur durch Susi ein wenig getrübt, denn sie mag heute nicht arbeiten. Mit viel Locken und Streicheln schaffen wir es dann doch noch, dass sie wieder mit uns spricht. Sie führt uns auf schmalen Gassen durch malerische Dörfer mit kleinen, weißen Fachwerkhäusern und ihren Strohdächern.

Wir bleiben kurz an einem Haus stehen und sehen eine Weile zu, denn hier wird gerade ein neues Dach gedeckt. Bündelweise liegt das Reetgras zur Verarbeitung bereit. Reetgras wächst an Ufern oder sumpfigem Gelände und wird nach der Ernte getrocknet. Das Reetdach hat eine hervorragende Isolationswirkung und kann in der Regel ohne weitere Dämmung verwendet werden. Es hält im Sommer die Hitze ab und wärmt im Winter. Das Reet wird in geschnürten Bündeln geliefert, auf den Dachlatten verteilt und dann so verschoben, dass die unteren Reethalmenden eine schräge einheitliche, durchgehende Fläche bilden, die auch lang andauernden Regen nach unten ableitet. Die Reetbündel werden dann mit einem Draht vernäht. Ein solches Reetdach hält mindestens 60 Jahre. Würde uns auch gut gefallen, in so einem Haus zu wohnen. Zu kaufen gibt es genügend hier, denn dauernd sehen wir „For Sale Schilder hängen.

Wir erreichen Exeter um die Mittagszeit und fahren in die erste Parkgarage, die wir finden. Das ist keine so gute Idee, denn wir bezahlen für vier Stunden Parken 6,40 Pfund (10,30 Euro). Voller Tatendrang laufen wir gleich los, weil wir eine Kirchturmspitze in der Nähe sehen. Nur die ist dann verschwunden, was eigentlich auch egal ist, denn die gehört eh nicht zur Kathedrale. Nach einigem Herumirren finden wir in die Altstadt und dann steht sie in voller Pracht vor uns. Die hell leuchtende Steinfassade im Westen der dreischiffigen Kathedrale wird durch drei übereinander angeordneten Skulpturenreihen geschmückt, die früher einmal bunt bemalt gewesen waren. In der untersten Reihe sind Engel dargestellt, darüber thronen die Könige und Richter, die wiederum von den Aposteln und Propheten überragt werden. Die turmlose Westfassade wurde 1327 begonnen und 1346 vollendet. Das Meisterwerk der gotischen Baukunst stammt aus dem Jahr 1224, wurde aber erst 1369 fertig gestellt. Die Türme der normannischen Vorgängerkirche von 1112 wurden in das Querschiff mit einbezogen, weil es zuvor diverse Einstürze von Vierungstürmen gegeben hatte, die der eigentlichen englischen Turmbautradition entsprachen.

Beim Eintreten in das Innere der St. Peter´s Cathedral werden wir darauf aufmerksam gemacht, dass eine Messe zelebriert wird, wir uns daher ruhig verhalten müssen und nicht fotografieren dürfen. Daher lassen wir uns auf den Stühlen nieder und lauschen der Orgelmusik und dem Pfarrer (von dem wir mehr als die Hälfte nicht verstehen!). Eine Stunde müssen wir warten, bis die Messe beendet ist. Dann nehmen wir das Innere genauer unter die Lupe. Ein filigran wirkendes Rippengewölbe überspannt das Mittelschiff, das das längste ununterbrochene Gewölbe der Welt mit einer Länge von ca. 100 Metern ist. Durch die schönen Rosettenfenster dringt die Sonne herein und bringt den Innenraum zum Strahlen. Bemerkenswert ist auch das Chorgestühl von ca. 1340 an der Nordwand des Langhauses. Die Brüstung bildet ein bemaltes Steinrelief mit 12 musizierenden Engeln. Sie wird heute noch vom Chor der Kathedrale genutzt.

Ein weiteres Highlight ist die astronomische Uhr aus dem 15. Jahrhundert. Das untere Hauptziffernblatt, der älteste Teil der Uhr, ist wahrscheinlich um 1480 entstanden. Eine Scheibe, bemalt mit einer Lilie, zeigt die Zeit und die Position der Sonne im Himmel an. Das obere Ziffernblatt zeigt die Minuten an und wurde in den 1760er Jahren hinzugefügt. In der Mitte des Ziffernblattes zeigt eine silberne Kugel die Mondphasen. Unter dem Stundenanzeiger ist der Spruch “Pereunt et Imputantur” aufgemalt, was bedeutet: “sie vergehen und werden uns hinzugezählt.”

Ehrfürchtig verlassen wir die Kathedrale und genießen noch das Ambiente, das im Park rund um die Kirche herrscht. Auch hier gibt es massenweise Japaner mit demselben Fotografierverhalten wie überall auf der Welt. Zwei Polizisten, die es aber gelassen nehmen, müssen dann noch als Motiv herhalten. Gleich daneben hat sich eine Schülergruppe mit Uniformen in die Wiese gesetzt und genießt die Jause.

Der Park ist eingerahmt von den schönen Fachwerkhäusern der Altstadt. Wir spazieren durch die High Street und schauen hin und wieder in einen Shop, was es da so gibt. Wir kommen an der Guildhall, dem ältesten Rathaus Englands, vorbei. Der Stadtrat tagt immer noch in den historischen Räumen, die über 800 Jahre lang als Hauptsitz des öffentlichen Lebens von Exeter diente.

Beim Hinausfahren aus der Stadt sehen wir noch die Ruine einer mittelalterlichen Brücke. Dann geht es up on the highway in Richtung Kingswear. Auf sehr schmalen Straßen, die teilweise wie ein Tunnel mit Bäumen zugewachsen sind, fahren wir zum Coleton Fishacre House. Das beeindruckende Herrenhaus gehörte früher der D’Oyly Carte Familie, die berühmt ist durch Gilbert und Sullivan, zwei berühmte Operettenkomponisten des 19. Jahrhunderts. Ein wunderschönes Haus, umgeben von einem nicht minder prächtigen Garten, präsentiert sich uns hier. Seltene und exotische Pflanzen sonnen sich in diesem speziellen Klima. Bäche plätschern zwischen Bäumen und Sträuchern und die letzten Strahlen der Abendsonne spiegeln im Wasser alle Farben wider. Leider haben wir nur knapp eine Stunde um dieses Flair genießen zu können, bevor der Garten schließt. Aber dieser Abstecher hat sich auf jeden Fall gelohnt.

Nicht weit von Plymouth entfernt finden wir einen Campingplatz, der auf den ersten Blick einen guten Eindruck hinterlässt. Er liegt mitten im Grünen und wir werden von einer Schmusekatze begrüßt. Gleich neben unserem Zeltplatz steht ein riesiger Käfig, in dem sich viele Meerschweinchen tummeln. Irgendwo müssen sie ein Loch gefunden haben, denn während wir beim Essen sitzen, bekommen wir laufend Besuch von diesen schnuckeligen Tieren. Als wir vor dem Schlafengehen die sanitären Anlagen aufsuchen, wird jedoch das Grauen sichtbar. Alles ist mehr als primitiv, dreckig und voll mit Spinnweben. Außerdem gibt es warmes Wasser nur gegen Bezahlung (50 Pence für 5 Minuten  das ist Wucher!). Na ja, kaltes Wasser soll die Haut straffen; mal sehen, vielleicht sehen wir nach dem Urlaub etwas jünger aus!

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