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Nach zwölf Tagen Sonnenschein muss auch mal Regen sein – doch leider gerade in Carcassonne. Aber dafür wirkt die hoch oben auf dem Felsen thronende Festung noch mystischer als bei strahlendem Sonnenschein (zumindest reden wir uns das ein)!

Es gibt eine schöne Legende, wie die Stadt zu ihrem Namen kam. Bei einer Belagerung hatte die Herrin der Burg, Madame Carcas die geniale Idee, das letzte Schwein zu mästen und es den Belagerern vor die Füße zu werfen. Es sollte vorgetäuscht werden, dass genügend Nahrung vorhanden sei. Entmutigt zogen die Truppen von Karl dem Großen wieder davon und die Dame Carcas ließ die Siegesglocken läuten: Carcas-sonne.

Carcassonne-Cité war lange Zeit eine wichtige französische Grenzstadt zu Spanien. Dementsprechend massiv sind die Mauern der Stadt gebaut. Die Cité ist von zwei mehrtürmigen Mauerringen auf einer Länge von 3 km umgeben. Erst 1659 verliert Carcassonne seine strategische Bedeutung und damit beginnt der Verfall der so eindrucksvollen Wehranlage. In der 2. Hälfte des 19. Jahrhundert werden großflächige Restaurierungsarbeiten durchgeführt und so ist die Stadt heute auch Teil des UNESCO Weltkulturerbes. Im Mittelalter lebten hier auf den 14 Hektar über 3.000 Menschen, heute sind es 229 ständig lebende Einwohner. Alle anderen leben außerhalb und arbeiten für den Tourismus.

Schon der Aufstieg zur Festungsanlage ist beeindruckend, denn wir werden nicht wie andere Touristen mit dem Bus bis zum Haupttor gekarrt, sondern betreten Carcassonne durch ein kleines Nebentor. Weil es noch zeitig am Vormittag ist (09:00 ist noch keine Zeit in Frankreich), sind noch alle Geschäfte und auch das Château geschlossen. Außerdem schüttet es mittlerweile wie aus vollen Schaffeln.

Einzig die Basilika Saint Nazaire, die 1096 geweiht wurde, ist bereits geöffnet. Im Laufe der Jahrhunderte wurden zahlreiche Veränderungen an dem Bauwerk vorgenommen.

An der Außenfassade fallen uns die Unmengen an phantasievoll gestalteten Wasserspeiern auf, da durch den Regen diese nun auch wirklich „spucken“. Diese komischen Figuren erinnern uns regelrecht an den Film „Der Herr der Ringe“! Das schlichte rote Holztor hebt sich vom grauen Stein ab und selbst am heutigen Regentag zieht es die Aufmerksamkeit auf sich.

Im Innenraum empfängt uns nur Dunkelheit, unsere Augen gewöhnen sich nur langsam an die schlechten Lichtverhältnisse. Der Altarraum wird bestimmt durch hohe bunte Glasfenster, durch die leider derzeit nur wenig Licht hereinfällt. Wie schön müsste der Innenraum erst bei strahlendem Sonnenschein wirken! Der Stil der Kirche ist sehr schlicht gehalten, an den Wänden finden wir kaum Dekoration. Wir verweilen eine Zeitlang im Inneren und hoffen auf das Ende des Regens, wenn wir wieder hinaus gehen. Doch unsere Gebete werden leider nicht erhört!

Mittlerweile hat auch das Château Vicomtal geöffnet – daher be-schließen wir, wieder ins Trockene zu fliehen. Der Rundgang durch die Altstadt muss noch warten, bis es hoffentlich zu regnen aufhört.

Wieder einmal mit deutsch-sprachigen Audioguides bewaff-net, erkunden wir das Château Raum für Raum, durch Gänge, über Treppen bis in alle Ecken. Der offizielle „Restaurateur“ der Wehranlage (Eugène Viollet-Le-Duc) nimmt uns mit auf die imaginäre Reise durch die Burg und erklärt anschaulich die Herausforderungen der Restaurierungsarbeiten. Auf den Wehrgängen, die die einzelnen Türme miteinander verbinden, eröffnen sich uns immer wieder eindrucksvolle Ausblicke auf Carcassonne und die Umgebung.

Nach über 2 Stunden geben wir die Audioguides zurück und stürzen uns in das Getümmel der engen Gassen. Zwischenzeitlich scheinen eine Menge an Touristenbussen sich ihrer Ladung entledigt zu haben, denn es wuseln trotz anhaltendem Regen viele Gruppen von Japanern, Österreichern und anderen Nationalitäten herum. Besonders ins Auge sticht uns die russische Delegation, denn zwei ihrer „Girls“ sind in Hot Pants und Flip Flops unterwegs – ohne Regenschutz! Damit ihre Haare nicht allzu nass werden, versuchen sie zu zweit ihre Köpfe mit einem kleinen Fetzerl zu bedecken. Der Nächste marschiert neben uns mit einem Plastiksackerl auf dem Kopf vorbei und ebenfalls in kurzen Hosen und Schlapfn – vielleicht der Papa – würde gut dazu passen?

Unsere Preisrecherchen für das heutige Mittagsmenü beginnen bei 45 Euro für drei Gänge. Schließlich kehren wir dann in ein uriges französisches Beisl ein, in dem wir uns bei typisch französischem Essen (Quiche Lorainne = Zwiebelkuchen und Cassoulet = Bohneneintopf mit Fleisch am Knochen) die Bäuche vollschlagen. Der gute Hauswein kommt aus dem 5 Liter Tetrapack (verschämt hinter der Theke eingeschenkt), die Nachspeisen (Mousse au Chocolat und Crème Flottante) werden aus der Supermarkt-Großpackung herausgestochen – von unserem Platz aus ist das alles bestens einsehbar. Aber was will man für 12 Euro anderes erwarten – Hauptsache es hat uns gut geschmeckt. Anfangs finden wir das alles noch lustig, aber als der Kellner dann Gäste aus dem Lokal weist, weil sie nichts essen möchten, ist es mit dem Spaß dann vorbei. Es sind nicht sehr viele Leute im Lokal und wenn der Koch grad mal nichts zu tun hat, dann kommt er mit dem Putzlappen in  der Hand und beginnt die Regenspuren der Touristen an der Eingangstüre wegzuputzen. Jetzt ist es uns dann doch zu viel und wir bezahlen die Rechnung.

Eigentlich hatten wir den ganzen Tag für Carcassonne eingeplant, aber da uns das Wetter einen Strich durch die Rechnung macht, brechen wir gegen 14:30 wieder auf und nehmen die zwei Stunden Autoroute zurück in die Provence in Angriff. Während der Fahrt werden wir dann noch ganz besinnlich, da im Radio gerade WHAM’s topaktueller Schlager „Last Christmas“ gespielt wird – wahrscheinlich sind dem Moderator die hier herrschenden 15 Grad schon winterlich genug!

Zwei Stunden später – wieder bei Sonne und 24 Grad – erreichen wir unser nächstes Ziel – Pont du Gard. Dieser Teil des 50 Kilometer langen Aquädukts, das für die Wasserversorgung des antiken Nîmes verantwortlich war, ist eines der besterhaltensten römischen Baudenkmäler Europas. Drei Arkadenreihen überspannen mit 35 Bögen in knapp 49 Metern Höhe das Flüsschen Gardon. Wenn man bedenkt, dass die bis zu sechs Tonnen schweren Steine ohne Beton zusammen gehalten werden, dann staunt man umso mehr!

Um die erste Faszination zu verdauen, lassen wir uns auf einem Bankerl mit bestem Blick auf die Brücke nieder und lesen die Daten über das Meisterwerk nach. Dass die Franzosen ein kommunikatives Volk sind, haben wir mittlerweile schon mehrmals festgestellt. Während wir unsere Euphorie miteinander teilen, quatscht uns ein Opa, der neben uns sitzt, an. Er erzählt uns, dass er vom Pont so begeistert ist, dass er mit seiner Frau seit Jahren immer wieder hierher fährt. So konnte er mit den Jahren beobachten, wie die verschiedenen Wasserstände die Umgebung verändern und so die Brücke immer anders aussieht. Interessiert lauschen wir – mit Blick auf das Bauwerk – seinen Erzählungen.

Danach fahren wir ein Stück näher an die Brücke heran. Wie kleine Kinder stehen wir überwältigt von der Größe und der architektonischen Leistung vor dem Bauwerk und bewundern es ausgiebig von allen Seiten. Wir können sogar die Brücke mit unseren Rädern befahren, denn 1743 wurde die untere Etage verbreitert, um sie als Brücke für Fuhrwerke nutzen zu können.

Im Licht der Nachmittagssonne schimmern die Arkaden goldgelb und Unmengen von Menschen tummeln sich darauf herum.

Wir beschließen, noch ein paar nächtliche Fotos von dem beleuchteten Bauwerk zu schießen und daher radeln wir um halb zehn nochmal zur Brücke. Einmalige Stimmung, wenn man ganz alleine im Dunklen davor steht. Kaum ein Laut ist zu hören, nur das leise Plätschern des Wassers.

Übrigens, das einzigartige Monument wurde 1985 von der UNESCO zum Weltkulturerbe ernannt.

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