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Wie angekündigt ist das Wetter heute feucht und was „moch ma do“? Wir besuchen mal den Ötzi!

Erst warten wir ewig, bis der Citybus kommt, um uns in die Stadt zu bringen, dann ist der gerammelt voll und zu guter Letzt stehen wir noch eine halbe Stunde im Nieselregen in der Schlange vor dem Archäologischen Museum. Zur Entschuldigung müssen wir zugeben, dass schon im Reiseführer gewarnt wird, dass es bei Schlechtwetter vor dem Museum zum Anstellen wird.

In vier Stockwerken werden verschiedene Zeitalter auf sehr anschauliche Weise dokumentiert. Mit Infotafeln, Skizzen, Filme und Ausstellungsgegenständen bringt man dem Besucher einen kompletten Abriss der Südtiroler Vor- und Frühgeschichte näher. Das Museum wurde eigentlich für Ötzi geschaffen und den finden wir im ersten Stock in einer Art Kühlschrank. Die klimatischen Bedingungen der ursprünglichen Lagerung im Gletschereis müssen hier künstlich geschaffen werden, um eine Austrocknung zu verhindern.

Am 19.09.1991 querten Erika und Helmut Simon aus Nürnburg nordöstlich des Tisenjochs eine Felsrinne und finden eine bäuchlings über einen Steinblock liegende menschliche Leiche, die bis zu den Schultern aus dem Eis ragt. Sie wurde vier Tage später geborgen und viele Untersuchungen begannen. Zum ersten Mal in der Geschichte der Medizin und Archäologie können anatomische Studien an einem Menschen aus dem 4. Jhdt. v. Chr. vollzogen werden, da der Körper praktisch unversehrt war. Der Eismensch war knapp 46 Jahre, ca. 1,58 m groß und soll etwa 60 kg gewogen haben. Außerdem unterscheidet er sich nicht von heute lebenden Menschen. Er hatte keine Weisheitszähne mehr, aber kariesfreie Zähne. Die sichtbaren Tätowierungen entstanden durch Einritzen in die Haut und durch Einreiben einer Mischung aus pulverisierten Kohle- und Wassergemisch. Festgestellt wurden auch verheilte Rippenbrüche, eine verkalkte Bauchaorta und er hatte Parasiten im Magen. Als letzte Mahlzeit hatte er einen Brei oder Brot aus Einkorn, Steinbock- und Hirschfleisch, sowie unbestimmtes Gemüse zu sich genommen – hat sich doch gesund ernährt, oder? Aufgrund einer Verletzung der linken Schulter, die durch eine Pfeilspitze hervorgerufen wurde, nimmt man an, dass er ermordet wurde.

Bei nächsten Ausgrabungen im Sommer 1992 wurden weitere Funde gemacht, dabei unter anderem eine Bärenfellkappe, Fellreste, Teile eines Netzes aus gedrehten Grasschnüren und einen Teil eines geknüpften Grasumhanges. Diese Stücke und eine originalgetreue Nachbildung des Eismenschen sind im Museum auch ausgestellt.

Heute markiert eine am Tisenjoch aufgeschichtete 4m hohe Steinpyramide den Fundbereich der 5.300 Jahre alten Gletschermumie.

Als wir mehr als drei Stunden später das Museum verlassen, hat sich der Regen vertschüßt und die Warteschlange draußen ist nicht kürzer geworden.

Wir beschließen unser Mittagessen (um 15:00 Uhr) wieder im Gasthaus zum „Weißen Rößl“ einzunehmen. Die Wirtin empfängt uns schon beim Eingang mit „heit miast bei mia in da stubn bleim“. Das ist der Beginn eines Live-Kabaretts, in dem wir auch mitspielen. Die Chefin ruft kreuz und quer durch´s Lokal, deutsch und italienisch durcheinander und redet mit allen per Du. Ich bestelle Apfelsaft mit Leitungswasser und sie „schreit“ der Kellnerin in der Bar zu, dass sie an „Opflsoft mit Pippnwossa“ braucht. Sie schupft den ganzen Laden und wenn sie grad mal überfordert ist, dann sagt sie „jetzt kum i glei zu dir“. Der Gastraum ist wieder gesteckt voll und laufend strömen noch die Gäste herein. Aber wieder läuft alles rund – vor allem schmeißt die Küche das Essen in einer Geschwindigkeit raus, dass wir nur so staunen. Und wieder alles so guat! Wolfgang schenkt sie noch einen Espresso und dann bezahlen wir. Beim nächsten Besuch in Bozen – irgendwann – werden wir dem Weißen Rössl in der Bindergasse 6 sicher wieder einen Besuch abstatten. Wie wir später nachlesen, handelt es sich hier um das älteste noch existierende Traditions-Gasthaus in Bozen und wird seit dem Jahr 1957 von der Familie Anrather geführt. Wir können dieses Haus wirklich wärmstens weiter empfehlen.

Angenehme 19° motivieren uns noch zum Auslagen-Anschaun und dann schlendern wir zum Bahnhof, wo wir auf den Bus warten. Der kommt diesmal auch pünktlicher, aber wieder zum Bersten voll.

Wir machen es uns am Campingplatz noch gemütlich und am Abend sehen wir uns den zweiten Teil der Reportage über die Besatzung von Südtirol an. Es ist schon unverständlich, wie brutal vielen Südtirolern ihre Heimat und Identität weg genommen wurde.

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