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Es zeigt sich heute ein ähnliches Bild wie gestern, nämlich Nieselregen. Einziger Unterschied – er zeigt heute mehr Ausdauer. Wir aber auch, denn wir kuscheln einfach länger im Bett (obwohl uns der Rücken schon schmerzt von der harten, durchgelegenen Matratze). Gemütlich richten wir uns mal das Frühstück und räumen ein wenig unser mittlerweile angestautes Chaos weg.

Dem feinen Nieselregen zum Trotz packen wir einige Zeit später wieder unsere Fahrräder aus und im Nu erreichen wir das in der Nähe liegende Kloster Neustift. Das idyllisch in den Weinbergen gelegene Kloster wurde 1142 von Augustinus als Chorherrnstift gegründet. Es ist das einzige Augustinerchorherrnstift in Italien und beherbergt 25 Chorherrn, wovon ca. die Hälfte ständig anwesend ist. Seit dem Jahr 1907 ist das Kloster Mitglied der Österreichischen Augustiner Chorherrnkongregation. Zu ihren Hauptaufgaben gehörten von Anfang an die Pflege der feierlichen Liturgie, das gemeinsame Chorgebet und vor allem die Tätigkeit in der Pfarrseelsorge. Mit ihren Klosterschulen sowie dem Interesse für Wissenschaft und Kunst wurden die Chorherren bedeutende Träger für das kulturelle Leben.

Wir betreten den Klosterbereich durch einen mittelalterlichen Eingangsbau, der in den ersten Hof mündet. Im Gebäude über dem Durchgang befindet sich die Bibliothek aus dem 18. Jhdt. mit ihren 20.000 Büchern. Sie sind in Lederrücken gebunden und mit goldener Schrift versehen. Zwei besondere übergroße Exemplare wurden aus Pergamentpapier hergestellt, da das zu jener Zeit am erschwinglichsten war. Der Raum selbst ist zweigeschossig und besitzt eine wunderschöne goldene Stuckdecke im Rokokostil. Hat echt Stil und Eleganz!

Als nächstes werden wir in die Stiftskirche geführt und uns bleibt erst mal der Atem stehen. Wow, der Kitsch ist nicht mehr aufzuhalten. So stellen wir uns eine Kirche aus der Hand von Walt Disney vor! Überall pastellfarbiger Anstrich in allen Farben und von überall winken rosarote Engerl herunter. Die Barockisierung hat hier voll zugeschlagen – üppiger Stuck, wohin das Auge reicht. Ein riesiger Marmorhochaltar mit gedrehten Säulen und prächtige Deckengemälde – das Innere der Stiftskirche gilt als einer der Höhepunkte des Spätbarock. Wem´s gefällt, auf jeden Fall nicht ganz unser Geschmack! Aber sehenswert ist sie dennoch und man muss sie gesehen haben.

Da sind wir vom anschließenden bemalten Kreuzgang beeindruckter. 1370 wurde in das ursprünglich flach gedeckte Gewölbe ein Kreuzgerippe eingebaut, wodurch Teile der älteren Malerei verdeckt wurden. Nach der Pest von 1636 hat man die Malereien in der Absicht alles zu desinfizieren übertüncht. Anlässlich der Barockisierung 1736 wurden Grabsteine von Pröpsten und Adeligen in die Wandflächen eingelassen und dabei die nicht mehr sichtbaren Fresken teilweise zerstört.

Zuguterletzt betrachten wir noch den Weltwunderbrunnen, der sich im Innenhof befindet. An den acht Kanten des Daches sind die sieben Weltwunder der Antike und eine Abbildung des Klosters dargestellt.

Da sich mittlerweile der Nieselregen verabschiedet und nun der Sonne wieder Platz gemacht hat, lassen wir uns noch auf der Sonnenterasse des Stiftkellers nieder, um eine Kleinigkeit zu essen.

Dann radeln wir weiter bis in die Altstadt von Brixen, wo wir an der Ecke Griesgasse – Adlerbrücke die Räder abstellen. Die Brücke wird bewacht vom Heiligen Nepomuk. Wir lassen den guten Mann aber hinter uns und schlendern die Gasse in die Altstadt hinunter. Danach durchschreiten wir das St. Michalestor, das bis ins 17. Jhdt. wichtigster Stadtzugang an der Verbindung Brenner und Pustertalstraße war. Das Tor ist verbunden mit dem 72 m hohen Weißen Turm, der das Wahrzeichen der Stadt ist. Die Bauzeit des achteckigen Turmes dauerte von 1300 – 1591. Einige Häuser weiter finden wir das Pfaundlerhaus, ein prächtiges Patrizier-haus aus dem 16. Jhdt. mit spätgotischen Elementen.

Nur wenige Schritte entfernt erreichen wir den großzügigen Domplatz, der vom mächtigen Dom mit seinen zwei gelben Türmen beherrscht wird. Das Innere des Domes findet nicht unsere Begeisterung, denn es wirkt sehr bedrückend. Die Deckenfresken wurden mit Gold eingefasst und die Altäre und Wandverkleidungen aus rotem, schwarzem und weißem Marmor hergestellt. Sehr beeindruckend ist die riesige Orgel über dem Eingang mit ihren 3.000 Pfeifen. Wir lauschen eine Weile dem Orgelspiel, besser dem Üben des jungen Organisten und gehen dann weiter durch die Domvorhalle in den Kreuzgang. Dieser verbindet den Bischofspalast und verschiedene Nebengebäude mit dem Dom. Im späten 14. und 15. Jhdt. ließ man sein Kreuzrippengewölbe von lokalen Künstlern ausmalen. Echt toll, trotz der stellenweise grauslichen Szenen!

Als nächstes steuern wir die sogenannten Großen und Kleinen Lauben an. Das sind zwei Straßen, die im rechten Winkel aufeinander stoßen und bereits im 11. Jhdt. so angelegt wurden. Adelspalais und Bürgerhäuser rücken nahe aneinander, aber nur im ersten und zweiten Stock. Auf Fußgängerniveau lassen sie geräumige Arkadengänge frei, sodass die Straßenbreite größer wirkt. In den Arkaden versteckt reiht sich ein kleines Lädchen oder Café an das andere. Auch wir lassen uns in ihren Bann ziehen und stöbern ein wenig darin herum. Und wie das so ist, finden wir auch einiges. Shoppen und Sightseeing sind anstrengend und schreien nach einem Kaffee, den wir im Domcafé genießen.

Weiter geht es zum Großen und Kleinen Graben. Der Stadtgraben im herkömmlichen Sinn ist längst zugeschüttet und heute kann man entlang des Großen Grabens flanieren und dessen Fassaden bewundern. Die Reihe wird nur unterbrochen vom Säbnertor mit seinem hohen Turm. Es ist eines der ursprünglich drei Toren der Stadt. Unser Blick fällt auch weit hinauf bis zu den Berghügeln, wo kleine Ortschaften thronen.

Unseren Rundgang beenden wir bei der Hofburg, die Sitz der Brixner Bischöfe war bis diese 1973 nach Bozen umzogen. Wir verweilen noch ein wenig im Hofgarten, der im Renaissance-Stil 1570 errichtet wurde. Rosenstauden, Blumen und Gemüsebeete reihen sich aneinander und sind mit niedrigen Bux-Hecken eingefasst. Im Zentrum sprudelt ein Brunnen und rundherum stehen Töpfe mit Rosmarin und Orangenbäumchen.

Wieder zurück bei unseren Fahrrädern verstauen wir gekonnt unsere Errungenschaften und machen uns auf den Rückweg. Der Radweg führt romantisch durch Wein- und Apfelplantagen und schnell erreichen wir den Campingplatz.

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